Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 337 (sequence 13)
- Language
- German
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Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte bloßen Spekulation; sie ist nicht schlechthin und in jeder Beziehungzeitlos, sondern sie erscheint als das, was nach Hegel jegliches große philosophische System ist: als die „Zeit selbst in Gedanken gefaßt". Diese Formel will den gedanklichen Prozeß, der sich in der Naturwissenschaft und in der Geisteswissenschaft des siebzehnten Jahrhunderts abspielt, als das, was er ist und bedeutet, begreifen, will ihm zu seiner philosophischen Selbsterkenntnis verhelfen. Was die Mathematik und die mathematische Naturerkenntnis betrifft, so hat sich Spinoza selbst ständig auf ihr großes Vorbild berufen. Es ist keineswegs, wie man oft behauptet hat, Laune und Willkür, wenn er die Grundgedanken seiner Philosophie auf geometrische Art entwickelt; sondern es waltet hierin ein sachlicher, innerlich-notwendiger Zusammenhang. Spinoza selbst erklart, daß der Mensch sich von jener naiven Teleologie, von der rein anthropomorphen Gottesauffassung, die er als das Grundübel aller bisherigen Theologie betrachtet und bekämpft, niemals hätte frei machen können, wenn ihm nicht die Mathematik zu Hilfe gekommen, wenn sie ihn nicht gelehrt hätte, das objektiv-Notwendige vom subjektiv-Zufälligen zu scheiden. Und eben dieselbe unverbrüchliche Notwendigkeit nimmt er, wie für die Natur, auch für alles geistige Sein und Geschehen in Anspruch. Auch hier erscheint es ihm als das prinzipielle Gebrechen, als der typische Grundfehler, wenn man in der Behandlung geisteswissenschaftlicher Probleme, in der Lehre vom Menschen, aus der Regel, die für jegliches Naturgeschehen gilt, herausfällt, und wenn man die Gesetze, die hier walten, als weniger streng und sicher, als diese Regel, betrachtet. „Est namque natura semper eadem, atque rerum una eademque etiam debet esse ratio rerum qualiumcumque naturam intelligendi, nempeper legesetregules naturae universalis": „die Natur bleibt sich stets gleich, und so kann es dann auch nur eine einzige Art geben, die Natur jegliches Dinges zu erklären, nämlich vermöge der Gesetze und Regeln der allgemeinen Natur" (Ethik, P. III, Vorrede). Diese streng-einheitliche Erklärungsweise, dieses universelle Erkenntnis-Ideal soll jetzt nicht nur im Gebiet der Sittlichkeit und des Rechts zur Anerkennung gebracht, sondern es soll im Zentrum der „Glaubensgewißheit", im eigentlichen Mittelpunkt der Religion selbst, als Grundprinzip festgestellt werden. In dieser Forderung liegt der eigentliche Radikalismus und die eigentliche Kühnheit des Spinozistischen Systems. Zwar gehört Spinoza keineswegs zu den ersten und eigentlichen Begründern der Idee der „natürlichen Religion". Lange vor dem Theologisch-politischen Traktat war die Forderung einer solchen 337