Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Cassirer als eine geistige Befreiungstat feiert und begrüßt, so tut er es nicht deshalb, weil in ihr die Grenzen unseres anschaulichen Weltbildes unermeßlich erweitert worden sind, sondern weil durch sie die Kraft der menschlichen Vernunft, in den Kosmos einzudringen und seine innere Gesetzlichkeit zu enträtseln unwiderleglich dargetan und für immer bewiesen worden sei. Und was hier in enthusiastischer Vorahnung ausgesprochen wird, das findet, im Aufbau der Naturerkenntnis durch Kepler und Galilei seine Bestätigung und seine streng methodische Bewährung. Der Prozeß, der gegen Galilei geführt wird, steht ganz im Zeichen dieser großen Entscheidung. Auch hier handelt es sich keineswegs ausschließlich oder in erster Linie um den Inhalt des Galilei'schen Weltbildes, um die bloße Tatsächlichkeit und die empirische Richtigkeit des geozentrischen oder heliozentrischen Systems. Hinter dieser Frage taucht im Prozeß Galileis immer wieder eine andere und größere auf. Worüber hier die Entscheidung fallen soll, das ist nicht der Wahrheitsgehalt einer bestimmten kosmologischen Hypothese, sondern es ist die Frage nach der prinzipiellen Befugnis der menschlichen Vernunft, ein Bild des wahren Weltsystems zu entwerfen und es mit eigenen Mitteln und aus eigener Kraft zu begründen. Dieses Problem ist es, an dem sich der Weg der neuen Wissenschaft von dem Weg der Kirche trennt und trennen muß. Galilei hat in seinen „Dialogen über die beiden größten Weltsysteme" dem verborgenen Gegensatz, der hier zugrunde lag, einen schlagenden Ausdruck gegeben, der bis ins Einzelne hinein an die Problemstellung Spinozas erinnert und sie im Keime enthält. Er erklärt, daß es in bezug auf das rein mathematische Wissen keinen W e s e n s unterschied zwischen göttlicher und menschlicher Erkenntnis gebe. Zwar bleibt in rein extensiver Hinsicht, in Hinsicht auf den Umfang, die menschliche Erkenntnis so weit hinter der göttlichen zurück, daß zwischen beiden überhaupt keine bestimmte Proportion aufgestellt werden kann, daß die eine sich zur andern wie Null zur Unendlichkeit verhält. Aber dieser Unterschied im Umfang und in der Ausdehnung des Wissens berührt seinen Grundgehalt nicht; die reine Form des Wissens, seine Bestimmtheit und seine „intensive" Klarheit und Deutlichkeit wird durch ihn nicht betroffen. Denn die Deutlichkeit, mit der unser Geist die ersten mathematischen Axiome einsieht, und die Sicherheit, mit der er die einzelnen Lehrsätze aus ihnen entwickelt, ist als solche keiner Vervollkommnung und Steigerung fähig. Hier herrscht echte apriorische Notwendigkeit — und über diese Notwendigkeit kann kein Wissen, es sei ein göttliches öder menschliches, hinausdringen, noch kann sie ihr etwas Wesent- 334