Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 333 (sequence 9)
- Language
- German
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Spinozas Stellung in der allgemeinen GeistesgescKchte U. Spinozas Stellung in der Geistesgeschichte des siebzehnten Jahrhunderts. — Sein Zusammenhang mit der Naturwissenschaft und dem Naturrecht. Betrachtet man diese Grundlehre Spinozas unter rein geistesgeschichtlichen Gesichtspunkten, so tritt alsbald ein wichtiger Zusammenhang zutage, der merkwürdigerweise von der bisherigen Spinoza-Interpretation fast völlig übersehen worden zu sein scheint. Spinozas System fügt hier dem neuen Bau der Erkenntnis, den das siebzehnte Jahrhundert aufzurichten strebt, und an dem es mit allen seinen Kräften arbeitet, den eigentlichen Schlußstein hinzu. Es fällt keineswegs aus seiner Zeit heraus; sondern es findet den reinphilosophischen Ausdruck für ein geistiges Bestreben, das diese Zeit zu innerst bewegt. Denn in allen Gebieten der geistigen Kultur des siebzehnten Jahrhunderts können wir jene gedankliche Tendenz verfolgen, der Spinoza zuerst zu ihrer systematischen Bezeichnung und zu ihrem systematischen Bewußtsein verhilft. Das siebzehnte Jahrhundert hält in seiner neuen Grundlegung der Naturerkenntnis, wie in seiner Grundlegung der Geisteswissenschaften ein und dieselbe streng bestimmte Gedankenrichtung ein. Es besteht darauf, daß ein wahrhaft-sicheres Fundament für beide nur gelegt werden kann, wenn wir das Zentrum für alle natürliche und alle sittliche Erkenntnis in den Geist selbst verlegen. Er muß, aus seinen eigenen Kräften heraus, imstande sein, das physische und moralische Universum aufzubauen — oder er muß für immer darauf verzichten, das Sein als einen wahrhaften Kosmos, als eine durchgängige, in sich geschlossene Ordnung zu verstehen. Zur Einsicht in diese Ordnung laßt sich nicht von außen her, durch Zusammentragung einzelner Kenntnisse, sondern nur von innen her, durch die Gestalt, die wir ihnen geben, durch das Prinzip, das sie miteinander verknüpft und zu einem Ganzen zusammenschließt, gelangen. Der Anfang und Ursprung alles Wissens ruht im menschlichen Geiste selbst und muß in ihm und durch ihn zur vollständigen Entwicklung und Entfaltung gebracht werden. Dieser Grundgedanke ist es, der in seiner allgemeinsten spekulativen Fassung und Begründung zuerst in Nikolaus Cusanus Schrift „De mente" hervortritt; und er ist es, der fortan auch alle Sondergebiete der philosophischen und der wissenschaftlichen Erkenntnis seit den Tagen der Renaissance mehr und mehr bestimmt und in seinen Bann zieht. Die Mathematik und die mathematische Naturerkenntnis geht hier voran: und in ihnen kündigt sich der Durchbruch des neuen Wahrheitsbegriffs zuerst klar und bestimmt an. Wenn Giordano Bruno die Lehre des Kopernikus 333