Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 330 (sequence 6)
- Language
- German
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Ernst Cassirer liehen Seins wird von Spinoza mit dem schärfsten Nachdruck betont; aber auch sie bedeutet nichts anderes als die Absolutheit der göttlichen Ordnung. Die Einheit des Wesens besagt zuletzt nichts anderes, als die Einheit dieser Ordnung, der gemäß alles Bestehende ist, und der gemäß alles Geschehen vor sich geht. Und die intuitive Erkenntnis Gottes besteht darin, daß wir diese Ordnung nicht nur in ihren Teiläußerungen, in diesen oder jenen Einzelerscheinungen ergreifen, sondern daß wir sie als Ganzes durchdringen und mit einem Blicke umfassen. Die philosophische Erkenntnis haftet nicht an der Reihe der Einzeldinge, an ihrem Entstehen und Vergehen; sie wendet sich den „festen und ewigen Dingen" zu, in denen, als in ihren wahren Gesetzbüchern, die Regeln geschrieben stehen, nach denen alles Einzelne geschieht und sich miteinander verknüpft. In diesen festen und ewigen Dingen, nicht in irgendwelchen besonderen Wirkungen und besonderen Offenbarungen, erschließt sich ihr das Sein Gottes, und an ihnen aliein besitzt sie es. Wer einmal bis zu diesem Punkte vorgedrungen ist, der kann das Göttliche nicht mehr in irgendeiner Partikularität denken; der kann in seinen reinen Begriff keine Einschränkung und keinen Vorbehalt mehr hineinlegen. Denn alles Partikulare ist ein bloß-Negatives; ist nicht eine Bereicherung und Bestimmung des Seins, sondern der strikte Gegensatz zu seiner Universalität und seiner Vollkommenheit, die in nichts anderem als in seiner Unendlichkeit bestehen kann. 3. Mängel und Mißverständnisse der Spinoza-Kritik. Daß eine solche Auffassung dem heftigsten Widerspruch der Zeitgenossen begegnen mußte, ist verständlich; aber die Aussprache und Begründung dieses Widerspruchs krankte von Anfang an daran, daß sie, unbewußt und unwillkürlich, den Spinozistischen Grundbegriffen eben jenen Sinn unterschiebt, den Spinozas Lehre beseitigen und überwinden will. Dogmatiker und Skeptiker, Orthodoxe und Freigeister begegnen sich in diesem Mißverständnis. Es ist gerado der eigentliche Führer der „Freidenker", es ist Pierre Bayle gewesen, der in seiner Kritik des Spinozismus diesem Irrtum verfallen ist, und der ihn für ein Jahrhundert lang fixiert hat. Bayle wird nicht müde, all die Widersprüche herauszustellen und all die Absurditäten zu geißeln, in die sich Spinoza mit seiner Gleichstellung von „Gott" und „Natur" verwickelt. Aber seine gesamte Beweisführung steht und fällt mit einer einzigen Voraussetzung. Sie gilt dann und nur dann, wenn man die „Natur", wie Bayle es durchgehend tut, mit dem Inbegriff der Einzeldinge zusammenfallen läßt. Gestützt auf diese Prä- 330