Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Cassirer gebung, in die sich Spinozas philosophische Lehre nunmehr versetzt sieht, mußte notwendig auch auf die Auffassung und Beurteilung seiner philosophischen Grundkonzeption zurückwirken. Indem das neunzehnte Jahrhundert seine eigenen Fragen in Spinoza sucht und von ihm die Antwort auf diese Fragen erwartet, tritt damit immer mehr ein Wandel in der historischen Perspektive ein. Jeder einzelne Begriff des Systems erhält nun einen neuen Accent. Und damit muß sich — je nach der Nähe oder Ferne, in der die einzelnen Spinozistischen Begriffe zur Problemstellung des neunzehnten Jahrhunderts stehen — ihr Gewicht verschieden bestimmen und der Schwerpunkt des Ganzen jeweils an eine andere Stelle rücken. Auch die besten Spinoza- Darstellungen der letzten Jahrzehnte, die in der Treue der reinen Beschreibung, in der Genauigkeit der „objektiven" Wiedergabe der einzelnen Begriffe und Gedanken miteinander wetteiferten, weisen nicht selten eine derartige Verschiebung auf. Der Gefahr, die darin liegt, läßt sich nicht anders begegnen, als dadurch, daß wir diese Gedanken wieder auf ihren eigenen geschichtlichen und systematischen Ursprung zurückführen. Wir dürfen die Begriffe „Natur" und „Geist", „Materie" und „Bewußtsein", „Gott" und „Welt", wenn wir sie in Spinozas Sinne nehmen und gemäß der Grundabsicht seiner Philosophie erfassen wollen, nicht mit all den Voraussetzungen belasten, die sie heute für uns in sich schließen; wir müssen versuchen, all das, was die spätere Entwicklung des philosophischen Denkens in sie hineingelegt hat, einen Augenblick zu vergessen, um lediglich ihre historische Grundgestalt, die Gestalt, die sie für Spinoza selbst besessen haben, ins Auge zu fassen. Erst kraft dieser Rückführung kann auch die Stellung, die Spinozas Lehre nicht nur innerhalb der Philosophiegeschichte, sondern auch in der europäischen Geistesgeschichte einnimmt, deutlich hervortreten. Spinoza ist weit stärker, als es ihm selbst zum Bewußtsein gekommen ist und als es in der Darstellung des Systems unmittelbar zutage tritt, von den allgemeinen Tendenzen, die die geistige Entwicklung des siebzehnten Jahrhunderts bestimmen, beherrscht. Er hat diese Tendenzen freilich nicht lediglich aufgenommen und weitergeführt, sondern er hat sie aus der Einheit eines philosophischen Grundgedankens zu begründen versucht und ihnen in dieser Begründung, und durch sie, zugleich einen neuen Sinn abgewonnen. 2. Die Einheit von Gott und Natur. Spinozas Lehre ist ein System des strengen und konsequenten „Naturalismus": sie bestimmt den Inhalt des Naturbegriffs derart, daß sein Umfang 328