Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 327 (sequence 3)
- Language
- German
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Spinozas Stellung in der allgemeinen. Geistesgeschichte Auseinandersetzung mit Bayle ist die Theodizee, in der Auseinandersetzung mit Descartes ist das „Specimen dynamicum", in der Auseinandersetzung mit Locke sind die „Nouveaux Essais" entstanden. Nichts davon finden wir bei Spinoza wieder. Er ist, in einem weit stärkeren Maße und in einem weit tieferen Sinne als zumeist angenommen wird, der große Einsame geblieben. Zwar muß, auf Grund der neueren biographischen Forschung, die traditionelle Vorstellung von dem weitabgewandten Denker Spinoza, der in völliger Abgeschiedenheit lediglich der x\usbildung seiner Lehre gelebt habe, aufgegeben werden. Wir wissen heute, wie eng das Band war, das Spinoza nicht nur mit allen geistigen Interessen seiner Zeit, sondern mit allen politischen Interessen seines Landes und seiner unmittelbaren Gegenwart verband. Aber all dies hebt die tiefe Fremdheit nicht auf, in der sich Spinozas Lehre zu ihrer Zeit befand, und die noch ein Jahrhundert nach seinem Tode fast unverändert bestand. Piaton sagt im „Theaetet", daß eine philosophische Schrift, die erst nach dem Tode ihres Verfassers hervortritt, einem elternlosen Kinde gleiche: sie sei ihres natürlichen Beschützers beraubt und allen Angriffen und Verunglimpfungen preisgegeben. An keinem philosophischen Werk hat sich die harte und bittere Wahrheit dieses Wortes deutlicher erwiesen als an Spinozas Ethik. Sie wird im Kampf der philosophischen und theologischen Parteiungen hin- und hergezogen; sie wird ihrer Grundabsicht nach mißdeutet, und sie bleibt auch dort, wo man sich ihrer annimmt, wo man bestimmte Momente aus ihr herauslöst und bestimmte gedankliche Motive festhält, als Ganzes unverstanden. Erst Lessings berühmtes Gespräch mit Jacobi bringt hier die entscheidende Wendung. Lessings Verdienst läßt sich auch hier, so wenig wie an irgendeinem anderen Punkte, an dem er geistig eingegriffen hat, durch bloße Einzelheiten bezeichnen und in ihnen erschöpfen. Dieses Verdienst besteht nicht in der Auffassung und Erklärung des Besonderen; es liegt vielmehr darin, daß er einen neuen Blickpunkt für den Spinozismus aufstellt, und daß er ihm gemäß eine neue Ge s a m t deutung des Systems vollzieht. Seine kritische Kraft erweist sich auch hierin als echte und ursprüngliche synthetische Kraft. Und damit erst war der Bann, der bisher über Spinoza gelegen hatte, gebrochen. Jetzt setzt seine unvergleichliche historische Wirkung ein, die er auf Schelling, auf Hegel, auf die gesamte Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts geübt hat. Aber der Umfang und die Intensität dieser geschichtlichen Wirkung ist dem geschichtlichen Verständnis von Spinozas Lehre nicht in jeder Hinsicht förderlich gewesen. Denn die neue Um- 327