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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 326

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
Date
1932-12-01
Page
326 (sequence 2)
Language
German
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Ernst Cassirer Wissens erschlossen. Nur das Wissen, das sich über das zeitliche Dasein erhebt, und das sich der Form des zeitlichen Erkennens entrungen hat, kann den Anspruch auf philosophischen Gehalt und philosophische Bedeutung erheben. Nur was „im Lichte des Ewigen" betrachtet und begriffen wird, wird völlig angemessen erkannt, wird in seiner Natur und in seiner reinen Wesenheit gewußt. Alles bloß-Historische bedeutet hingegen von vornherein das Widerspiel zu dieser Wesenserkenntnis und den prinzipiellen Verzicht auf sie. Es treibt sich im Kreise der bloß-zeitlichen Phänomene umher und ist an die Grundform der zeitlichen Erkenntnis, an die Form der „Einbildungskraft" gebunden. Halten wir diese Voraussetzungen des Spinozismus fest, so scheint es die eigentliche Sünde gegen seinen Geist zu sein, wenn wir ihn selber unter historische Perspektiven rücken, wenn wir nach der Stellung fragen, die er im Ganzen der neueren Philosophiegeschichte und der allgemeinen europäischen Geistesgeschichte einnimmt. Dennoch wird durch eine derartige Fragestellung kein bloß-äußerlicher Maßstab an den Spinozismus angelegt Denn wenn der gedankliche Gehalt von Spinozas Lehre einer rein-historischen Betrachtung zu widerstreiten scheint, so fordert andrerseits ihr Schicksal um so gebieterischer eine derartige Betrachtung heraus. Vergleicht man das Schicksal des Spinozismus mit dem der anderen großen Systeme der neueren Philosophie, so tritt sofort ein merkwürdiger Gegensatz hervor. Auch Descartes und Leibolz haben nicht sogleich und unmittelbar mit dem Ganzen ihrer philosophischen Leistung und mit ihrem vollen Umfang in das Denken ihrer Zeit eingegriffen. Descartes' „Regulae ad directionem ingenii", — eine der Schriften, die uns heute als methodisch-entscheidend und als für das Verständnis des Cartesianismus unentbehrlich erscheint, — ist erst ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode aus seinem Nachlaß veröffentlicht worden; und der gleiche Zeitraum verging, ehe Leibniz' „Nouveaux Essais sur 1'entendement humain" durch Raspe aus dem Manuskript der Bibliothek in Hannover herausgegeben wurden. Aber nichtsdestoweniger gehören Descartes und Leibniz mit der Wirkung ihrer Gedanken durchaus ihrer eigenen Epoche an. Sie stehen in ständiger und fruchtbarer Auseinandersetzung mit ihr; sie halten mit ihr eine fortdauernde geistige Zwiesprache; sie empfangen von ihr bestimmte Probleme und sie geben sie ihr in neuer, innerlich-bereicherter und vertiefter Gestalt zurück. Für Leibniz insbesondere ist dieser stete geistige Austausch geradezu das Element, in dem allein er leben und wirken konnte. Alle seine philosophischen Hauptwerke sind durch ihn bedingt und mitbestimmt. In der 326

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