Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 318 (sequence 3)
- Language
- German
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Anzeigen ohne den Stoff. Beides sind unwirkliche Produkte einer sehr notwendigen und sehr fruchtbaren Abstraktion, und so könnte man mit mehr Berechtigung sagen, daß weder die Wissenschaft noch die Philosophie es mit der Wirklichkeit zu tun haben, sondern beide mit Produkten der Abstraktion. Daß nicht die gesamte Philosophie des Zeitalters Komplementärphilosophie des Positivismus im Sinne von Jaensch war, geht auch daraus hervor, daß in einer für die Zeit sehr charakteristischen Philosophie, der von Franz Brentano, ein erbitterter Kampf gegen alle jene „idealen Gegenstände", „Sachverhalte'*, „Gebilde", „Objektive" geführt wurde, mit denen Rickerl seine unwirkliche Welt bevölkert. Man lese darüber die Einleitung von Kraus zur Neuausgabe von Brentanos Psychologie. Nun wäre nach dem Schema von Jaensch zu erwarten, daß dann auch Brentanos Einstellung zur naturwissenschaftlichen Methode des Positivismus eine grundsätzlich andere wäre, als die Rickerts. Aber gerade hierin, im Entscheidenden, ist kein prinzipieller Gegensatz zwischen Brentano und Rickert zu finden. Aber es hieße ungerecht gegen den tiefen und vielseitigen Inhalt des Buches von Jaensch sein, wollte man nur die Rolle kritisieren, welche er der neukantischen Philosophie als Ausdruck der Epoche zuschreibt. Das Bedeutsame an dem Buche ist vor allem die Charakterisierung der Wissenschaftsepoche selbst als der Epoche der Entseelung, der zu weit getriebenen Objektivierung, die zur Abschnürung der Wissenschaft vom seelischen Leben führte. Nicht mehr herrscht jene „Kohärenz", jener Zusammenhang mit dem Gesamtdasein, welcher allein die für produktive Epochen charakteristische Ergreifung neuer Seiten des Wirklichen durch die Wissenschaft entstammt. Die Kohärenz ist, wie Jaensch seinen psychologischen Studien entnimmt, charakteristisch für das Dasein des Jugendlichen: Aus jener seelischen Struktur der Kohärenz von Ich und Außenwelt, kraft welcher alles, was die Jugend ergreift, vom ganzen Dasein kräftig umfangen wird, während nichts abgelöst vom Lebensstrom, petrefakt, hegen bleibt — aus dieser Kohärenz dürfte wohl der sonnige Glanz stammen, der alle unsere Jugenderinnerungen umstrahlt. Diese Petrifizierung ist das tragische Schicksal der versachlichten Wissenschaft, die ein Opfer ihrer Methoden, Instrumente und Maschinen wird, wie unser ganzes Leben. „Die Tragik des Erkennens liegt darin, daß dieser Vorgang notwendig ist und nicht wieder rückgängig gemacht werden kann und dabei doch die Lebenswurzeln abtrennt, aus denen sich Erkennen von jeher genährt hat und immer wieder nährt, ohne die es als Lebensvorgang, der es ist, nicht fortbestehen kann, sondern verkommen muß." Diese Tragik hat Jaensch in ausgezeichneter Weise dargestellt, wenn sie auch viel weniger mit der neukantischen Philosophie zu tun haben mag als er annimmt. Wie tief gerade einer der Begründer der neukantischen Philosophie, wie tief Hermann Cohen unter dieser Versachlichung gelitten hat, mag ein von Ucko in seiner Schrift „Der Gottesbegriff in der Philosophie Hermann Cohens" mitgeteilter (Jaensch wohl unbekannt gebliebener) Brief Cohens aus dem Jahre 1907 zeigen: „Mein Geschick ist von ganz eigener Art. Wenn es Menschen gibt, die das sacrificio dell'intelletto bringen, so bringe ich das dell'sentimento. Sie wissen, wie sehr ich mit den tiefsten Regungen meines Herzens und den innigsten Gefühlen meines Geistes mit dem inneren Leben unserer Religion verknüpft bin; aber Abstraktion ist auch hier mein Schicksal, und nur die Echten können mich verstehen und dulden." Und als ergreifende Illustration zur Größe dieses Opfers des Gefühls sei die Anekdote angeführt, deren Kenntnis wir Franz Rosenzweig verdanken: „Als Hermann Cohen noch in Marburg war, setzte er einmal einem alten Marburger Juden die Gottesidee seiner Ethik auseinander. Der hörte ehrfurchtsvoll zu, nur als Cohen fertig war, fragte er: Und wo bleibt der Baure Aulom (Schöpfer der Welt)? Da antwortete Cohen nichts und brach in Tränen aus." Die Tatsache, die uns durch diesen Brief und diese Anekdote so erschütternd bestätigt wird, zeigt die ganze Schwierigkeit des Problems, die dadurch nicht erleichtert wird, daß wir sie nur einer bestimmten Zeitepoche und ihrem philosophischen Ausdruck zuschreiben. Jaensch selbst hat die Tragik des Erkennens betont, das sich von seinem Gegenstande notwendigerweise distanzieren muß. Diese Notwendigkeit wird auch einer neuen Epoche nicht erspart bleiben. Aber so eindringende Bücher wie das von Jaensch werden wohl dazu beitragen, daß der tragische Gegensatz nicht s'tatisch erstarrt, sondern immer wieder durchbrochen wird vom Strom der Kohärenz, von der blutarmen Welle des ursprünglichen Er- 318