Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 317 (sequence 2)
- Language
- German
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Anzeigen sucht haben. So haben sich positivistische Wissenschaftler einerseits, neukantische Philosophen andererseits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts darauf geeinigt, die Wirklichkeit und den Wert säuberlich auseinander zu halten und haben den Frieden geschlossen, welcher dieses Zeitalter kennzeichnete, in welchem die Philosophen, weit entfernt die Wissenschaft und speziell die Naturwissenschaft zu bekämpfen oder von ihr bekämpft zu werden, sich zum Herolde der naturwissenschaftlichen Methode machten. Das Streben nach Werten blieb, aber vertrieben aus der Wirklichkeit, suchte es sich einen heiligen Tempelbezirk, in dem es sich vor Verfolgung sicher wissen konnte. In diesem Zeitalter der Zweiweltentheorie sehen wir eine parallele Entwicklung in der Theologie und in der Philosophie. Jaensch verweist darauf, daß in der Theologie Ritsehl und Herrmann zwischen Wahrheiten des wirklichen Seins und Wahrheiten des religiösen Wertes schieden, genau so wie etwa Rickert zwischen Wirklichkeit und Wert. Die Wahrheiten des religiösen Wertes leuchten beim Emporblicken zu den großen religiösen Gestalten mit Evidenz in uns auf. Hierin liegt ihr Wahrheitsbeweis und nicht in irgendwelchen Beweisen aus dem wirklichen Sein. Die Religion muß von vermeintlichen Erkenntnissen über das wirkliche Sein gereinigt werden. Genau so wie hier durch scharfe Trennung von Sein und religiösem Wert der Friede zwischen Religion und Wissenschaft erstrebt und möglich gemacht wird, genau so scheiden die Philosophen vom Sein jenes ideale Reich der Werte ab, das sie als Gelten (Lotze), Sollen (Rickert). Logische Grundlegung (Cohen) oder ähnlich bezeichnen. Diese Scheidung bedeutete für die Zeit des Positivismus die Rettung des Sinns. Die Philosophie ist der Ausdruck ihrer Zeit. Den zwei Welten in der Philosophie entsprachen zwei Welten im Leben. Hier wie dort bestand dieselbe schroffe Trennung zwischen Wirklichkeit und Wert. Wo den höheren durch Werte bestimmbaren Funktionsschichten im öffentlichen Leben die Zuversicht fehlte, sich in der Wirklichkeit durchzusetzen, trat an die Stelle eines frohen Kampfes um die Durchsetzung der Werte im öffentlichen Leben die müde Resignation.Man überließ diese Welt den Mächten, die von dieser Welt waren. Die Idee fühlte sich nicht als von dieser Welt. Es gab für sie keine Siege und keine Niederlagen im Reiche des Realen. So entfalteten sich hemmungslos in dieser Welt Kräfte, die um die höchsten den Menschen erreichbaren Werte völlig unbekümmert waren. Das geschah in fast allen Kreisen der Kultur. Die Werte blieben, verehrt und angebetet und wirkungslos, in seliger Höhe1 unerreichbar. Dies ist in Kürze der Grundgedanke des Buches von Jaensch, das zweifellos eine glänzende Charakteristik der vergangenen Epoche darstellt. Ich möchte gleich sagen, daß es mich in den zentralen philosophischen Ausführungen nicht ganz überzeugt hat und daß mir manche Bedenken geblieben sind. Die dualistische Auseinanderreißung von Wirklichkeit und Wert hat ihren konsequenten Ausdruck in der Philosophie Rickerts gefunden, die jenes merkwürdige Reich des Sinnes geschaffen hat, das in seiner Unwirklichkeit angeblich dennoch bestehen soll. Diese Zweiweltentheorie ist aber nur die unberechtigte Übertreibung eines berechtigten Dualismus, der auf Kant und Leibniz zurückgeht, um nicht von Plato zu sprechen, und den aufzuheben, hieße, jede logische Grundlegung der Wirklichkeit aufheben. Dieser berechtigte Dualismus ist der von Form und Stoff. Wenn ich sage „heute um 3 Uhr wird es schneien", so enthält ein solches Urteil mehrere Schichten von Wahrheiten. Daß es schneit, ist eine zufällige Wahrheit, bloßes Ereignis, Tatsache, „Stoff" und nichts mehr. Aber diese Tatsache ist geformt durch gewisse Auffassungsweisen, wie den Verlauf der Zeit oder das naturgesetzliche Verhalten von Ereignissen (Wasser gefriert zu Schnee usw.), und diese Formungen sind von ganz anderer Würdigkeit als die Tatsache, an der sie anhaken und die, bei ganz gleichen Formungen, ganz anders sein könnte. Kurz: die Unterscheidung von Form und Stoff die wir Leibniz und Kant verdanken, ist eine vollständig berechtigte und hat nichts mit der Auseinanderreißung in zwei Welten zu tun, welche die Rickertschule aus ihr gemacht hat, und die durchaus nicht für den ganzen Neukantismus charakteristisch ist. Wenn die Untersuchung der Tatsache oder des Stoffes den positiven Wissenschaften, die Untersuchung der Form der Philosophie zugewiesen wird, so ist damit durchaus nicht gesagt, daß die Wirklichkeit allein Domäne der Wissenschaft ist, schon deswegen nicht, weil jener Stoff ohne Form so wenig wirklich ist, wie die Form 317