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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 311

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Der gotische Mensch [Rezension]
Date
1932-10-01
Page
311 (sequence 2)
Language
German
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Wilhelm Michel: „Der gotische Mensch" Revolutionär, als einen „Übergang und Untergang", als ganz ins Dynamische gerissen und nur in flutendem Leben sich darstellend. „Diesen herrlichen, starken Menschen, der das Leben liebte, der sich ihm selbst jederzeit zum Opfer brachte, diesen maßlosen Menschen, der alles oder nichts wollte, diesen einmaligen hohen Sendling der Geschichte nenne ich den gotischen Menschen." Sein Feind, sagt Büttner, ist Rom, und seine große Lebensbetätigung ist vor allem die kühne, angreiferische "Vernunft, die „Wissenschaft um der Wissenschaft willen". Hier kommt zum Vorschein, daß Büttner von Beruf Ingenieur ist und das eifrigste Bemühen zeigt, die wissenschaftliche und technische Menschenart zu verteidigen, indem er sie zur vornehmsten Teilhaberin an dem Idealwert „gotisches Menschentum" erhebt. Naturwissenschaft und Technik liegen weitab vom Materialismus, sagt er. Was man an der Technik materialistisch oder seelentötend schilt, das ist nicht Technik, sondern Wirtschaft, die sich ausbeuterisch daranhängt. Wissenschaft um ihrer selbst willen, Technik als schöpferische Äußerung, beide als eminente Befreiungskräfte — das sind seine Pointen. Es läßt sich nicht leugnen, daß Büttner Wirkliches vom deutschen Menschen sieht und ausspricht, wenn er das Flutend-Lebendige, das Durchstoßen zum Unbedingten, das „Vorüber fliehende", ständig Unruhige als hochwertige menschliche Haltung verkündigt. Zwar ist dies genau dasselbe, was ein Henri Massis das Chaotische, das Gestalt-Auflösende, das Asiatisch-Pantheistische am Deutschen nennt. Aber durch Lobpreis oder Injurien werden solche geschöpflichen Grundhaltungen nicht aufgehoben. Sie bleiben lebensbestimmende Faktoren, ein klarer Blick auf sie, ein Wohlwollen für sie kann vielfältig zum Guten wirken — zumal wenn der, der sie liebt und verkündigt, sich so vorbildlich besonnen zu den kurzsichtigen Rassentheorieen von heute stellt wie Büttner. Er wirft die Frage auf, ob der gotische Mensch eindeutig Germane sei. Er gibt die Antwort: „Der gotische Mensch ist nicht Germane, nicht Romane, nicht Kelte; er ist nordisch bedingt... Diese nordischen Elemente werden ihm nicht nur durch das Blut übertragen; sie strahlen aus der Umwelt auf ihn ein". Büttner wendet sich mit größter Schärfe und eingehender Begründung gegen die Rassengläubigen wie Günther und Otto Hauser. Reine Rassen gelten ihm überhaupt nicht als kulturschöpferisch. Darum stellt er auch mit Gelassenheit fest, daß es um die germanische Rassenreinheit geschehen sei. „Die Austilgung des nordischen Blutes ist für Europa Tatsache." Dafür fährt aber die Landschaft fort, im Nordraum unzweideutig auf den Typ des „gotischen Menschen" hinzuwirken; sie bringt ihn täglich neu hervor. Sieht man, wie gleichzeitig auch ein Friedrich Hielscher sich gegen die Rassenlehre wendet, wie ein Hans Blüher sich immer skeptischer zu ihr stellt, so tagt die Hoffnung, daß eine Denkweise, die eine richtige Teil-Einsicht maßlos vergröbert, vereinseitigt und so zum gefährlichen Unsinn macht, allmählich verschwinden wird. Unannehmbar bleibt dabei Büttners Stellung zum Christentum. Er wirft ihm vor, es habe „ganzen Völkerstämmen ihre natürlichen Triebe verpönt, den gesunden Leib zur Sünde gestempelt, die eigene Natur und die überlieferte Welt 3tt

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