Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Der gotische Mensch [Rezension]
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 310 (sequence 1)
- Language
- German
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„Der gotische Mensch"1) Von Wilhelm Mi&el Das sprechendste Zeichen für die geistige Unruhe der Gegenwart ist das fast zwanghaft auftretende Bedürfnis, auch die Vergangenheit aufzuwickeln und mit Hinblick auf die eigene Gegenwartsschau neu zu weben. Man sagt heute nicht nur sein eigenes Wort zur Zeit; jeder schreibt sich auch die passende Weltgeschichte dazu, mit dem Motto: Es war alles ganz anders. Überall kracht es heute im Gebälk der überlieferten historischen Wertungen, und wie über dem Feld der katalaunischen Schlacht die Toten noch weiterstritten, so füllt sich heute über der Arena der Gegenwartskämpfe die geschichtliche Vergangenheit mit Schlachtgeschrei. Der Ahnensaal, sonst ein leidlich ruhiger Versammlungsort von gefestigten Bildern, verwandelt sich in ein bewegtes Parlament, wo Arius und Athanasius sich von neuem andonnern, Luther von neuem seine Thesen anschlägt, Loyola die Riesenverschwörung gegen die Reformation von neuem ersinnt. Zur gleichen Zeit kommen eben zwei BücheT heraus: Richard Bie, „Das katholische Europa", und Walter Büttner1), „Der gotische Mensch". Sie begegnen sich in ihrer nationalistischen *) Walter Büttner, -Der gotische Mensch". 1932. 225 S. Grundeinstellung; aber Bie glaubt an die Rasse, Büttner ans Milieu, an Erde und Leidenschaft. Sie begegnen sich in ihrem Kampf gegen Rom; aber Bie hält an Christus fest (wenn es auch ein sehr aristokratischer Christus der Gnadenwahl-Verkündigung ist), Büttner behandelt das ganze Christentum als dem Nordmenschen wesensfremd. Sie begegnen sich (ein auffallender Zug) in der Ablehnung Grünewalds; aber Bie stellt diesem den romanischeren Lionardo, Büttner den germanischeren Rembrandt gegenüber. Und Bie fügt seinem Werk eine heftige Polemik gegen die Gotik ein, während Büttner im gotischen Menschen geradezu den Menschen des Nordraumes sieht, auf dem alles echte Leben des Kulturkreises beruht. Derlei Gegensätze blieben bisher im Binnenraum wissenschaftlicher Erörterung. Heute treten sie hinaus ins Freie und stiften, wie man sieht, sogar dort noch Sprachverwirrung, wo über Gegenwartsfragen eine gewisse Einigkeit besteht. Büttners gotischer Mensch läßt sich definieren als der im faustischen Drang rebellische Mensch. Büttner sieht ihn ganz als bewegte Lebendigkeit, als einen Helwing'sche Verlagsbuchhandlung, Hannover, 310