Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 308

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Neuer Literatur zur Psychotherapie [Rezension]
Date
1932-10-01
Page
308 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895507-2895512-2902523--06009-2902623
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Erich Stern neurotische Charakter. Betont wird die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit von Arzt, Erzieher und Seelsorger. Besondere Bedeutung, vor allem auch für die Erziehung, die zur Neurosenprophylaxe werden muß, besitzt die Individualpsychologie. Alfred Adler gibt in seinem Buche „Individualpsychologie in der Schule. Vorlesungen für Lehrer und Erzieher" (S. Hirzel, Leipzig 1929, n4 S., Mk. 5,5o) eine kurze Darstellung einer Reihe von Fällen (Sprachstörungen, Schwererziehbarkeit u. a.), die zeigen, wie Adler bei der Behandlung schwieriger Kinder vorgeht. Über die Behandlung selbst spricht er sich leider nicht eingehender aus. Beigegeben ist ein Fragebogen zur Erfassung der psychischen Grundlagen der Schwererziehbarkeit. Am besten führt in diese wohl das Buch von Wcxberg, Individualpsychologie (jetzt II. Aufl., Leipzig, S. Hirzel) ein; Wexberg zeigt in systematischer Darstellung, von welchen Bedingungen die Charakterentwicklung abhängt und wie von der normalen Entwicklung überall Wege zur Fehlentwicklung und zur Neurose führen. Eine eigene Stellung innerhalb der Individualpsychologie nimmt Künkel ein. Er betont noch erheblich mehr als Adler selbst die Grundhaltung der Individualpsychologie, die weniger nach den Ursachen psychischer Äußerungen fragt, als nach ihrem „Sinn". Bei ihm tritt, besonders in dem Buch „Charakter, Wachstum und Erziehung" (Bahn, Schwerin) die Wendung zum Religiösen sehr stark hervor. In dem Buch „Vitale Dialektik" (S. Hirzel, Leipzig) geht er darauf aus, die theoretischen Grundlagen und Prinzipien der Charakterkunde zu entwickeln. Was er unter „Vitaler Dialektik" versteht, wird am deutlichsten, wenn wir von seiner Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt ausgehen und uns mit ihm klarmachen, daß der Mensch zugleich Subjekt (Bewirkender) und Objekt (Bewirkter) ist. Die Wirkung des Subjekts ist final, die Gegenwirkung des Objekts ist kausal bedingt, und die weitere Stellungnahme des Subjektes zu dieser Gegenwirkung ist wiederum final bedingt. Die kausale Gegenwirkung der Außenwelt kann demnach für die letztgenannte Stellungnahme nicht mehr im eigentlichen Sinne als Ursache angesehen werden. Man sollte sie nur als „Anlässe" bezeichnen. Wenn man die Lebensvorgänge in dieser Weise betrachtet, verbindet man die Einsicht in die kausalen Zusammenhänge alles Toten mit der Einsicht in die finalen Verhaltensweisen des Lebendigen. Dieses Ineinandergleiten kausaler und finaler, objektaler und subjektaler Ereignisse, wird als vitale Dialektik bezeichnet. Die Individualpsychologie betont die Notwendigkeit, die Menschen zur Selbstverantwortung und Selbsterziehung zu führen. Es ist daher zu begrüßen, daß sie dieses Thema in der Festschrift zu Adlers 60. Geburtstag (Leipzig, Hirzel) besonders eingehend behandelt hat. In das an Bedeutung und Umfang immer mehr zunehmende Gebiet der Jugendpsychiatrie führt das Buch von Paul Schröder, „Kindliche Charaktere und ihre Abartigkeiten" (Breslau, Ferdinand Hirt) ein. Vieles von dem, was heute als Neurose oder als Psychopathie angesehen und in das Gebiet des Pathologischen gerechnet wird, faßt Schröder als eine Abart des Typus auf. Besonders wertvoll erscheint mir die von Heinze bearbeitete Casuistik. Das Buch 308

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.