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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 309

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Neuer Literatur zur Psychotherapie [Rezension]
Date
1932-10-01
Page
309 (sequence 4)
Language
German
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Neuere Literatur zur Psychotherapie wendet sich nicht nur an den engen Kreis der Fachgenossen, sondern an alle, die an pädagogischen Problemen interessiert sind. Es mag empfohlen werden. Die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit zwischen Arzt und Erzieher wird heute immer mehr erkannt. Das Kind, das längere Zeit hindurch krank ist, oder das sich von längerer Krankheit erholt, bedarf nicht nur ärztlicher, sondern auch erzieherischer Beeinflussung. Das gilt insbesondere in den Fällen, in denen das Leiden das Kind zu längerer Ruhe verurteilt, sein Geist aber rege ist, etwa bei tuberkulösen Erkrankungen, Knochenbrüchen usw. Vor allem aber ist die Zusammenarbeit von Arzt und Erzieher notwendig bei einer Reihe psychischer Störungen: Der Schwachsinn ist weder ein rein ärztliches, noch ein rein pädagogisches Problem; ärztliches und erzieherisches Handeln müssen sich hier durchdringen und ergänzen; ein gleiches gilt von der Psychopathie, der Hysterie und Neurasthenie, gilt bei Fürsorgezöglingen und kriminellen Jugendlichen. Aus der Erkenntnis dieser Notwendigkeit heraus haben sich im März 1980 in Berlin Ärzte und Erzieher vereinigt zu einem Kurs über die Grenzfragen zwischen Medizin und Pädagogik. Die Vorträge dieses Kurses liegen nunmehr vor in dem von Arthur Keller herausgegebenen Sammelband „Kind und Umwelt — Anlage u. Erziehung" (Wien, Fr. Deuticke), der alle Beachtung verdient. Wir fassen die Neurose heute als eine Störung auf, bei deren Zustandekommen den Umwelteinflüssen eine sehr große Bedeutung zukommt. Wir haben einsehen gelernt, daß besonders die Erlebnisse und Erfahrungen der früheren Kindheit für die Charakterentwickluiig und Neurosen entstehung von sehr großer Wichtigkeit sind. Gewiß spielt die Anlage, die der Mensch mit auf die Welt bringt, eine wesentliche Rolle; aber gerade für die Neurosen gilt, daß die Anlage allein nicht mit Sicherheit zur Neurose führen muß, sondern daß es darauf ankommt, unter welchen Bedingungen der Mensch lebt. Die Neurose kann in vielen Fällen durch eine richtige Erziehung in der Kindheit verhütet, die ersten auftauchenden neurotischen Züge können mit Erfolg behandelt und bekämpft werden. Das hebt auch Benjamin in seinem Buche „Grundlagen und Entwicklungsgeschichte der kindlichen Neurose" (Leipzig, Gg. Thieme) hervor. Je mehr diese Erkenntnis sich durchsetzt, um so mehr wird man auf die Schwierigkeiten, die das Kind bietet und auf die heute noch oft als Unarten bezeichneten Abarten der Charakterentwicklung achten und für eine rechtzeitige Behandlung derselben Sorge tragen. Die Behandlung der Kinder ist freilich deshalb so schwierig, weil sie immer wieder den gleichen Fehlern von seiten der Erwachsenen ausgesetzt sind. Jede Behandlung der Kinder muß daher bei den Erwachsenen beginnen. 309

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