Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Aufruhr gegen den Geist
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 304 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Edith Falk sich vom lebenden Menschen entfernte und sich in Überspitzungen gefiel, — und er brach zusammen vor dem Sinn- Anspruch der Lebensvollen. Aber: Geist ist nicht ratio, — Geist, echter, tiefer Geist ist Sinni Holzers Aufsatz gipfelt in den Worten Descartes': cogito ergo sum; aber sind wir deswegen schon, weil wir uns unseres Seins bewußt werden können? Ist eine Pflanze weniger existent oder ein Stein, weil sie sich ihres Seins nicht bewußt sind? Denken um der Denkfähigkeit, um der Abstraktion willen ist nicht sinnvoller Gebrauch der Bewußtseinsmöglichkeit und Geistesfreiheit, ist Sophisterei, ist Sünde am „Geist", seelische Armut und Kälte; das Denkenkönnen den Idealen zur Verfügung stellen, die nicht durch bloße „ratio", sondern durch seelischen, schöpfungzugewandten Schwung zu verstehen sind, — das heißt: voll Geist, d. i. sinnvoll, lebenerhöhend denken. Und hier, dünkt mich, läßt sich die Parallele zwischen Juden und Deutschen tiefer ziehen: das jüdische „Geistesleben" war dem Geist des Lebens entfremdet, jüdisches Lernen und Denken und Schreiben war intellektuell derart überspitzt, daß es für den nach Lebensharmonie dürstenden Menschen blutleer geworden war, — und aus dieser kulturellen Not brach (wenn auch, als falscher Prophet, wie viele vor ihm) der Zionismus aus der Judenheit heraus. Wie der Nationalismus aus den Deutschen. Es war und ist wie ein Todesschrei aus der Menschheit: mehr Erdnähe, mehr Verwurzeltheit, — denn die dünne Luft des erdfernen Intellektualismus läßt uns nicht mehr tief und voll atmen. Eben die Lebens-Ferne derer, die zu erkennen glaubten, wo sie mit ihrer Vernunft zu be-greifen versuchten, war es, die die geistige Not erst schuf; aber die wunderreiche Fülle des Lebens und der Kern einer menschlichen Gemeinschaft liegen auf ganz anderen Ebenen als solchen, die dem Be-greifen durch die ratio zugänglich sind. Und darum ist es so viel schwerer, den Kampf gegen den revolutionären Ausbruch dieser — meist mißleiteten' — Instinkte aufzunehmen: weil nicht Geistverneinung dem Geisterfüllten gegenübersteht, — sondern weil die Forderung nach neuem, sinnvollem, lebenerhöhendem Geist erhoben wird, — diese Forderung, die im Grunde so unendlich bejahenswert ist. Nur: wenn diese Forderung aus Verhetzten und Verbitterten und Verführten herausbricht, überschlägt sie sich leicht und verkehrt das innerlich Gesunde in Verkrampftes und Böses. IL Man könnte annehmen, mit der Erhebung „unkontrollierbarer Gefühle" zur Gültigkeit für eine neue Lebensgestaltung redete ich allen Auswüchsen und jeder vernunftwidrigen Kraftäußerung das Wort. Im Gegenteil. Ebenso wie ich mich gegen eine Erkaltung des Lebens durch die Einengung der Nur-Vernunft wende — ebenso entschieden wende ich mich gegen die ethische oder moralische Unkontrolliertheit von Gefühlen, denen wir Macht über unser Handeln zugestehen. Und alle negativen Gefühle, „Fremdenfeindlichkeit, geistige und wirtschaftliche Autarkie, Vergottung blutsmäßiger Instinkte", Haß, halte ich für derart unkontrollierte Gefühle, da sie nicht aus einem Entwicklungswillen entstanden, sondern aus der Angst vor 304