Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Aufruhr gegen den Geist
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 305 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895512-2902522--06005-2902620- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Aufruhr gegen den Geist?" eigenem Überranntwerden, die aber nur wieder die Gegenangst beim Partner auslösen muß. III. Ein Wort an dieser Stelle noch, zu unserer, unserer jüdischen, Stellung innerhalb der aufbrechenden, uns feindlichen Nationalismen. Wenn wir also gelernt haben, den »Aufruhr" um uns her von innen zu begreifen, ihn als im Prinzip bejahenswerte, weil lebensvolle Kraftäußerung zu betrachten, wie können wir meist intellektuellen, emanzipierten, kraftabholden Juden uns dann noch am Platze fühlen? Wenn Menschen um uns sagen, daß sie ihr ureigenstes Gesetz zu finden bemüht sind, selbst wenn sie uns1) als die schon Weiteren, Reiferen, eben nur Anderen erkennen, und sie nur ein — wenn auch irrtumbehaftetes aber dafür doch eigenes — Wachsen und Reifenwollen für sich in Anspruch nehmen, statt der Aufpfropfung noch so reifer aber nicht selbstentwickelter Gestaltungen und Erkenntnisse, — müssen wir dann nicht folgern, daß sie ein Recht haben, uns unsere Einflußnahme zu wehren, da sie unverbogen „ihre" spezifische Lebens¬ und Artgestaltung herauskristallisieren wollen? (Hier liegt m. E. das tiefste Problem, das uns in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus zu beschäftigen hat.) Ich glaube aber, wir dürfen diesen Zweifel in uns zerstreuen. Wie man etwa in der inneren Verbundenheit einer Ehe um so sicherer in seinen allereigensten Lebensraum hineinfindet, je mehr man durch einander und aneinander wächst, wie man strebt, die Bindung für beide Teile zu vertiefen und fruchtbar zu machen, indem man sich „kontrolliert", — so eben bedeutet unsere Zerstreuung unter die "Völker diese Aufgabe: unser aus jahrtausendaltem Leiden und Erkenntnissuchen erwachsenes Wissen um die Notwendigkeit von Gerechtigkeit, von geistiger Freiheit, von Gewaltlosigkeit und Menschenliebe befruchtend hineinzutragen in unsere Lebensgemeinschaft mit den Andern, und von ihnen zu empfangen, was uns an Unverbildetheit fehlt, — zum gemeinsamen Bau des Vollkommenen. l) Siehe die Rede Dr. Wilhelm Stapels in der kürzlich vom Weltstudentenwerk herausgegebenen Broschüre: „Die Juden im Gemeinschaftsleben der Völker". 20 305