Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Aufruhr gegen den Geist
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 303 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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„Aufruhr gegen den Geist?' Eine Erwiderung an Ernst Holzer Von Edith Falk I. Darf man Ernst Holzers Aufsatz in Nr. 2, VIII. Jahrgang, des „Morgen" unwidersprochen hinnehmen? Wenn man sich nicht ganz unverseucht fühlt von dem gebrandmarkten „Irrationalismus", — und wenn man gar die Kühnheit hat, sich zu ihm zu bekennen und ihn als wertefördernd zu betrachten? Ernst Holzer entwickelt: „Man bemerkt heute allenthalben einen Aufruhr gegen den Geist, gegen die Vernunft, die ratio." Setzt er „Geist" und „ratio" gleich? Die weiteren Ausführungen bestätigen das. Geboren aus einer Not, die mit den gewohnten Denkmitteln nicht mehr zu überwinden ist und aus dem „zur Sinnlosigkeit gewordenen Daseinsinhalt" erwuchsen der Zionismus der Juden wie der in Parallele gesehene Nationalismus der Deutschen. Auf den Mangel an „Sinn" reagieren die Menschen durch einen Verzicht auf die ratio, durch die Wahl des Irrationalen, Empfindungsbetonten, — und in ihr sieht er einen Rückfall in eine primitive Denkweise, ins Barbarentum. Holzer stellt die Not (gemeint ist die innere, die kulturelle, — nicht die materielle) als Faktum hin. Und warum untersucht er nicht, wie sie wuchs? Sie wuchs aus dem, was er erhebt: aus dem immer abstrakter, immer blutleerer werdenden, immer hypothesenhafter sich gestaltenden, immer erdunverbundneren rationalen Denken. Nehmen wir z. B. die Philosophie: um des Denkens selbst willen schienen ganze Philosophien gebaut, nicht aber mehr um der Erkennung und Sinngebung des Lebens. Nehmen wir die Musik: nicht mehr innige Melodik wie bei Mozart oder erschütternde Ausdruckskraft wie bei Beethoven, sondern ein atonales Klangexperimentieren wie bei Schönberg gab sich als Musik aus und mußte als intellektuell überspitzt empfunden werden. Nehmen wir die Malerei: aus dem einleuchtenden Bildwerk voll natürlicher Farben und natürlicher Formen wuchsen Kompositionen aus geometrischen Figuren und nannten sich „Stilleben" oder „Porträts". Die Beispiele ließen sich für alle Gebiete des geistigen, kulturellen Lebens vermehren. So führte sich der in teil ektualisierte „Geist" ad absurdum, da er 303