Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Antisemitismus?
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 294 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Holländer Summe dessen, was geworden ist, was heute ist und was die Zukunft weist. Den Deutschen macht — wobei auf das Fragwürdige aller dieser Untersuchungen bei dem völlig verschiedenen Charakter der deutschen Stamme hingewiesen sei — gar nicht so sehr geschichtliches Erlebnis zu dem, was er ist. Mag das im Norden unseres Landes starker hervortreten; im Süden sipelt es keine wesentliche Rolle. Was ist Deutschland? Die Frage wird immer wieder aufgeworfen. Eine ungeheure Kraftzentrale von Menschen, die im allgemeinen gut gebildet und von einem starken Kulturwillen getragen, ihre politische Lebensenergie nicht auszuleben vermögen, ihre wirtschaftliche Kraft durch die Bestrebungen des Auslandes auf Selbstversorgung erlahmen sehen und dieser Schwierigkeiten zu einem starken. Teil nicht Herr werden können, weil die Oberschicht des deutn sehen Volkes von dem überwundenen Feudalismus nicht loskommen kann. Man muß sich daran gewöhnen, die weltgeschichtlich bedeutsame Rolle des Feudalsystems leidenschaftslos zu begreifen. Diese Stufenfolge des höheren und niederen Geburtsstandes, das Verhältnis der wechselseitigen Treue, der ganze zum Teil romantische Begriff der Eigentumsverhältnisse konnten Menschen einer bestimmten Epoche innerlich ausfüllen, ja begeistern. Der von den Jesuiten besonders stark gepflegte Gedanke der Volkssouveränität war der größte Feind des feudalen Gedankens. Ihm standen ebenso die Juden fern, deren biblische Gesetze und die von ihnen gespeisten Lebensanschauungen die Welt des Feudalismus durchaus verneinten. Die ganze politische Romantik unserer Tage beruht auf diesem Feudalismus. Darum der stärker gewordene Antisemitismus, gerade auch in den Schichten vornehm denkender Jugend, die heute wieder nach dem Ständestaat, nach der feudalen Rangordnung, nach Zunft und numerus clausus ruft, weil sie in diesen Bindungen etwas innerlich Wertvolles, Menschheitsförderndes, Lebens* bejahendes erblickt. Die Juden — und hier allein kann man bei den völlig verschiedenartigen Anschauungskreisen der jüdischen Bevölkerung wirklich mit Recht von den Juden sprechen — halten jeden Feudalismus für überwunden, für eine zwar weihevolle, aber längst verschollene Episode geschichtlicher Entwicklung. Hier stoßen sie allerdings schroff mit denjenigen Kreisen des deutschen Volkes zusammen, welche im feudalen Willen das Heil der Zukunft erblicken. Diese Gegensätze sind grundlegend und schaffen, vielfach gänzlich unbewußt, mit an der antisemitischen Empfindungswelt. Hierin hegt wohl das enthalten, was Frobenius den Lebensrhythmus 294