Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Antisemitismus?
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 295 (sequence 3)
- Language
- German
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„Antisemitismus?" des deutschen Volkes nennt und worin er in Wirklichkeit das Wesen jener Unterschiedlichkeit erblickt, deren Überbrückung ihm unmöglich erscheint. Aus der Einstellung eines kleinen Teiles des deutschen Volkes — eben der bewußt oder unbewußt Feudalen — wird hier ein Schluß auf das Wesen und die Grundhaltung des ganzen deutschen Volkes gezogen. Die Wertigkeit der Anschauungen dieser Minderheit im deutschen Volke soll damit nicht bestritten werden. Aber es muß festgestellt werden, daß auch heute, vielleicht sogar heute mehr denn je, der überwiegende Teil des deutschen Volkes sich gegen jeden Feudalismus wendet und ihn als überwunden ansieht. Auch der Nationalsozialismus stellt, als Ganzes gesehen, trotz seiner judenfeindlichen Grundhaltung, eine gefühlsmäßige, und da wo eine gedankliche Unterbauung vorliegt, auch eine verstandesmäßige Abkehr von der politisch so bedeutsamen Auffassung des nationalen Staates, soweit sie auf feudalistischen Gedankengängen beruht, dar. Frobenius sieht die Überwindung des Judenhasses in einem unsentimentalen, aber liebevollen „Antisemitismus". Diese Überwindung soll zunächst von den „deutschen" Juden eine scharfe und eindeutige Trennung von allen Juden der Welt verlangen. Auch hier werden die Bindungen, die vorliegen und nicht ausgelöscht werden können, verkannt. Diese Bindungen sind gegeben durch Religion und Schicksal. Ob und inwieweit man jüdische Religiosität mit einer gewissen Art von Volkstum in Zusammenhang bringt, ist für diese Betrachtung völlig gleichgültig. Es handelt sich hier lediglich um eine Namensgebung, über die bisher zuviel geschrieben und allzu wenig gedacht worden ist. Natürlich ist das religiös-moralische Gedankengut, das aus der jüdischen Überlieferung fließt, in starkem Maße an das Vorhandensein einer Judenheit gebunden und von ihr nicht loszutrennen. Ob man nun in dem volklichen Bestand oder lediglich in der religiös-sittlichen Grundlage das Entscheidende für das Wesen der Juden unserer Zeit sieht, ist in der Sache völlig gleichgültig. Wer die Wahrheit des Goethe-Worts „Kein Lebendiges ist eins, immer ist's ein vieles" erfaßt, wird sich mit dieser Frage nicht lange befassen. Er wird anerkennen, daß durch Geburt, durch Schicksal, durch Familientradition der Jude stets ein Gefühl haben mußte für die Notwendigkeit, das Vorwalten der Gerechtigkeit im Staate wie im Privatleben zu fordern, daß er durch sein Schicksal, durch die Lehren, die seine Gemeinschaft im Laufe der Jahrtausende durch die Geschichte empfangen hat, im Gedanken des Primats der Gerechtigkeit im Staatsleben eine unumgängliche und unvermeidliche Grundlage seines ge- 295