Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Antisemitismus?
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 293 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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„Antisemitismus?" Ein Nachwort zum Artikel von Volkmar Frobenius Von Ludwig Holländer Die ernsten Anschauungen, die Frobenius in der vorstehenden Skizze entwickelt, haben ihre Grundlage in der Behauptung, als einziges Volk der Welt brauche das deutsche schicksalsmäßig den Antisemitismus. Nicht etwa die Rasse, sondern das Bejahen einer geschichtlichen Kontinuität bilde die Völker Europas. Frankreich, Italien, England besäßen den Ausdruck ihres Schicksalwillens, sie hätten Symbole. Auch die Judenheit hätte diese Symbole im jüdischen Sittengefühl, das durch das unvernichtete Bewußtsein eines bestehenden Volkszusammenhanges getragen sei. Darum sei es clen Juden unmöglich, zu echten Gliedern des deutschen Volkes zu werden. Deutschland kenne kein Symbol, wohl aber einen geschichtlich gewordenen Lebensrhythmus, dessen Erfassung dem Juden schlechthin verschlossen sei. In Deutschland müsse deshalb der Jude entscheidend immer nur Individuum, Staatsbürger bleiben; Deutscher im „volksbürgerlichen" Sinne aber könne er nicht werden. Hierzu fehle ihm als unbedingte Voraussetzung die Erlebnisreihe. Die Gedanken, die Frobenius hier vertritt, sind heute nicht selten. Auch nicht bei Mannern, denen, wie Frobenius, Klarheit in vielen Grundeinsichten und unbedingtes Streben nach Gerechtigkeit eigen ist. Die Grundlage dieser und ähnlicher Betrachtungsweisen aber müssen wir ablehnen. Denn der Diltheysche Satz: „Was der Mensch sei, erfährt er nur durch Geschichte", auf dem Frobenius seine Anschauung aufbaut, darf nicht so allgemein verstanden werden. Der Mensch erfährt auch durch Geschichte, was er ist; aber nicht allein und nicht hauptsächlich durch die Geschichte. Sein Wesen enthüllt sich ihm durch Betrachtung aller entscheidenden Umstände seines Lebens, durch die 293