Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Antisemitismus?
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 291 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Antisemitismus? Wort erinnert werden: „Was der Mensch sei, erfährt er nur durch Geschichte". Das Bejahen einer geschichtlichen Kontinuität, nicht Rasse, bildete so die Völker Europas. Spricht dann nicht alles dafür, daß ein Jude, lebt er lange genug bei uns, Deutscher wird? Nein! Denn das nur leidend erfahrene Geschick einer Gesamtheit wird zum tätig gebildeten Schicksal eines Volkes erst dadurch, daß es bindende Bildung wird. So sind auch Völker Schmiede ihres Schicksals. Und wie nun Frankreich, Italien, England einen sichtbar geformten Ausdruck dieses Schicksalswillens fanden, sei es in der Metropole Paris, sei es in antiker Tradition, sei es im Ideal des Honorable gentleman, so konnte das durch übermächtige Gewalten aus der Bahn geschleuderte jüdische Volk — gebildet durch seine nationalen Formungen eines wachen und verklärten Sittengefühls, getragen durch das unvernichtete Bewußtsein seines Volkszusammenhanges, selbst im Besitze eines symbolischen Gefäßes — jenen um eine Kraftmitte geformten Völkern sich ohne weiteres einschmelzen. Deutschland kennt dergleichen Symbole nicht, unter denen sich alle vereinigen, ohne doch ihre Individualität zu vernichten. Hier ist nur Individualität. Und während ein Jude zwar nicht wirklich Franzose oder Engländer werden kann, es aber doch restlos scheint und in manchem Sinne auch ist, kann ein Jude in Deutschland, da es außer dem ihm schlechterdings verschlossenen Lebensrhythmus kein Symbol gibt, dessen er habhaft zu werden vermöchte, nur Individuum werden und wird deswegen immer kenntlich erscheinen, und das um so mehr, je wertvoller er ist, d. h. je mehr er ganz er selbst ist. Mag auch äußerlich jedes Merkmal fehlen in den Entscheidungen, wo das Individuum, die unvertretbare Person, befragt wird, wo der durch Jahrtausende schwingende Rhythmus des innersten Seins das einmalige Wollen bestimmt, muß „der Jude" hervortreten. Damit ist in keiner Weise, was anmaßend und auch völlig sinnlos wäre, ein Werturteil gegeben. Damit ist nur der Versuch gemacht zu erklären, warum nach dem Jahrhundert der Aufklärung im Lande Lessings der Antisemitismus eine so verbreitete und hartnäckige Bedeutung erlangen konnte. Nicht handelt es sich darum, Deutschland als das gelobte Land zu sehen, an dessen Wesen einmal noch die Welt genesen müsse und das den minderwertigen Juden auszuscheiden habe, sondern sein gleichsam hüllenloses nationales Leben, sein einmaliger Vorzug und Fehler, erzwingt diese Stellungnahme. Ein so wundervolles, menschlich wie künstlerisch gleich hochstehendes Buch wie der „Sergeant Grischa" von Arnold Zweig, illustriert am besten das Ge- 291 19*