Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Antisemitismus?
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 292 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Volkmar Frobenius: Antisemitismus? sagte. So vortrefflich und äußerlich gerecht Exzellenz Lychow oder überhaupt die Armee gezeichnet wurde, so lückenlos sich die Einzelzüge fügen: das Ganze trifft, wenn auch nur um Nuancen, nicht in das volle Leben. Wassermann, der unendlich Verehrte, fand nicht das Echo, das seine nach seinem Gefühl urdeutsch geschriebenen Bücher verdient hätten; er schiebt es seinem Judentum zu — und mit Recht! Allerdings geht er von entgegengesetzten Voraussetzungen aus als wir. Und damit taucht das Entscheidende auf. Kein Deutscher hätte so wie Friedrich Gundolf Künder und Deuter deutscher Dichtung werden können, und gerade an ihm zeigt sich, welche Verdienste das Judentum in seinen erlauchtesten Vertretern sich um Deutschland erwerben kann — selber zur Losung des Antisemitismus beitragend durch das Aufdecken der Gegensätze Deutschland zur Form, zum nationalen Symbol zu zwingen und dadurch in späteren Zeiten die Möglichkeit der Versöhnung zu bieten. Allerdings befindet sich nicht nur das Deutsche in einer Krise. Dr. Sammet sagt in Thomas Manns „Königliche Hoheit": »Kein gleichstellendes Prinzip, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, wird je verhindern können, daß sich inmitten des gemeinsamen Lebens Ausnahmen und Sonderformen erhalten, die in einem erhabenen oder anrüchigen Sinne vor der bürgerlichen Norm ausgezeichnet sind. Der Einzelne wird gut tun, nicht nach der Art seiner Sonderstellung zu fragen, sondern in der Auszeichnung das Wesentliche zu sehen und jedenfalls seine außerordentliche Verpflichtung darauf abzuleiten. Man ist gegen die regelrechte und darum bequeme Mehrzahl nicht im Nachteil sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr als sie zu ungewöhnlichen Leistungen hat." Diese Lage hat das Judentum verlassen. Es wird zu bequem, zu träg in seinen menschlichen Aufgaben; zu billig und zu breit sind die Möglichkeiten, die ihm winken. So ergibt sich von beiden Seiten die Verpflichtung, vorderhand bewußt nicht an Gleichheit und Verschmelzung zu denken, sondern getrennt, in sich selbst beruhend, in einem Staate arbeitend den Gegner zum Letzten zu zwingen, menschlich lebensnotwendige Bindungen wieder zu achten, das Schicksal im Kampf zu bestehen und so gegeneinander, miteinander die Möglichkeit vorzubereiten, später in einem Volke zu leben. Das erfordert unerhörte Opfer vom Judentum ebenso wie von Deutschland. Das erfordert eine scharfe und eindeutige Distanzierung der „deutschen" Juden von allen Rassegenossen der Welt, und das erfordert von Deutschland ein eindeutiges Bekenntnis zum Geist. Nur durch einen unsentimentalen, aber liebevollen „Antisemitismus" kann der Antisemitismus auf die Dauer überwunden werden. 292