Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Antisemitismus?
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 290 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Volkmar Frobenius Niederungen trübt sich der Blick, in dem Gezänk des Alltags ist kein Raum für die Frage, ob Deutschland nicht als einziges Volk diese Entscheidung des Antisemitismus schicksalsmäßig braucht, wenn es allerdings auch die Verpflichtung besessen hätte, sie in dem eingangs erwähnten Sinne zu benutzen. Das Gefühl ehrlichen Wollens und die Notwendigkeit nur Raum zum Atmen zu schaffen, lassen Forderungen und Formungen jüdischerseits entstehen, die, in einem Mißverständnis zwischen Staat und Volk wurzelnd, die ganze Problematik verwischen. Das ist das tragische Mißverstehen dieser Menschen, daß sie glauben, durch generationslanges Zusammenleben deutsches Wesen von innen her begreifen zu können, während sie, hellsichtig wie kein Deutscher, seine Schalen umreißen; daß sie meinen, Landschaften wie Gesichte, Ahnungen wie Schicksale, Begeisterungen wie Bedrängnisse, die deutschem Atmen gleichen, formten sie zu deutschem Volk, während sie — in ihrem Falle weniger und mehr — sie zu deutschen Bürgern formten. Nicht geht es hier um Rasse — wo gibt es noch wirklich Germanen? — sondern darum, daß Völker, die in verschiedenem Himmels- und Seelenklima aus heiligen, ewig dunklen Anfängen durch Jahrtausende die Gesichte ihrer Kindheit zu den Taten ihrer Mannesjahre reiften, Gottseidank auch heute noch zutiefst einen grundverschiedenen Rhythmus haben, daß nicht allen jederzeit alles möglich ist. Das Volk, das mit einer einzigartigen Kraft der religiösen Erfülltheit von den Hängen des Sinai die Stimme Jahwes erzwang, die den Kosmos in Schöpfer und Geschöpfe spaltete, das in der Nacht der Wüste seine Feuerwolke sah und unter dem glühenden Himmel Babylons seinen furchtbaren Zorn hörte, dieses Volk der ametaphysisch-religiösen Genien, mögen sie Moses, Christus, Paulus, Marx heißen, dieses Volk von trotz allem unerhörter nationaler Abgeschlossenheit und Reinheit, zieht die letzte Kraft seines Menschentums aus anderen Quellen, als diejenigen, die unter trüben Himmeln von Asien und Südrußland her in die Wälder Europas drangen, und die in einem jahrtausende langen Geschick die endlosen Steppen Rußlands, die Buchen der Ostsee, die Fruchtgärten der Lombardei, die Brandung Islands, die Tempel Griechenlands und die Häfen Karthagos solange ineinander schmolzen und glühten, bis sich über den dumpfen Resten einer vernichteten Urbevölkerung und unter den grauen Wolken des Nordens jenes Volk bildete, das wir das deutsche nennen. Denn was anders ist Volk, als ein Zweig vom Baum der Urmenschheit, der sich durch gleiche Sprache, gleiches Schicksal, gleichen Lebensraum als Einheit in geschichtlichen Zusammenhängen erfährt. Hier kann an Diltheys 290