Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Antisemitismus?
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 289 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Antisemitismus? auch hier gezogen werden. Es soll versucht werden, den Standpunkt einer gewissen Anzahl nichtjüdischer junger Menschen zu interpretieren, die sich auf das Ernsthafteste um ein neues Staats- und. Volksgefühl, um eine neue Beziehung zu Menschen schlechthin im Sinne Schiller-Humboldtscher Humanität bemühen, denen der nationale Phrasenschwall und Dunst all dieser Jahrzehnte nicht den unbedingten Glauben an ihre Nation nehmen konnte, die aber auf das furchtbarste getäuscht von der nebulosen Hohlheit dieses Lärmens, auf unbedingte Klarheit bis zu schmerzlich scheidendem Verzicht dringen müssen. Diese heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen, die verbreiteter sind, als man anzunehmen geneigt ist, sehen sich aber in dem peinlichen Unvermögen befangen, der brutalen Borniertheit des heutigen Antisemitismus eindeutig entgegenzutreten, weil ihnen eine Bundesgenossenschaft mit den oben erwähnten Elementen des Judentums unmöglich ist, und weil darüber hinaus die jüdische Abwehr des Antisemitismus, sobald sie sich, wie in Arnold Zweig, wie in Wassermann, über die leider notwendige, nie aufzugebende Tagespolemik zu grundsätzlichen, rein menschlich-ethischen Gedanken erhebt, bewußt oder unbewußt den Willen zu dieser notwendigen Klarheit über letzte, ursprüngliche Dinge vermissen läßt. All diese Überlegungen konstatieren, was hier unumwunden zugestanden sei, daß der gegenwärtige Antisemitismus eine Kulturschande bedeutet, aber sie finden darüber hinaus nur den Weg zur trostlosen Resignation. Große, schöpferisch gütige Juden, die eine tiefe eindeutig zwingende Liebe zu Deutschland besitzen, fühlen sich in doppeltem Sinne vom Schicksal um ihr Bestes betrogen dadurch, daß sie von einem Volk, dessen edelste Seiten sie mit liebendem Verständnis umfassen, ohne jede Prüfung verworfen werden und, daß dieses, ihr Wahlvolk, als einziges in der Kulturwelt eines der beschämendsten Laster mit dem halb barbarischen zaristischen Rußland teilt. Sie, die sich ganz als Deutsche fühlen, die sich allen Pflichten eines Staatsbürgers willig und mit Bejahung unterziehen, die sich mit Stolz ihrer entscheidend-tragenden Rolle in dem künstlerischen und wissenschaftlichen Leben — sei es als Schöpfer, sei es als großzügige Mäzene — bewußt sind, sehen sich immer wieder mit roher Verständnislosigkeit verneint. - In allen anderen Ländern sind Juden geachtete Patrioten, Mitglieder der Hocharistokratie, Diplomaten; sie tauchen völlig im nationalen Leben unter — nur in Deutschland wirkt als Makel, was oft nur durch Abstammung erweisbar oder nach langer Bekanntschaft zufällig erfahren wird. Nur Deutschland, das Land der Dichter und Denker „schlägt die Hand ab, die für es zeugt". Und über diesem beschämenden Abgleiten in unwürdige 19 289