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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 285

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Gibt es jüdische Geheimgesetze?
Date
1932-10-01
Page
285 (sequence 11)
Language
German
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Gibt es jüdische Geheimgesetze? „Sinngebung des Sinnlosen". In Ländern, aus denen Juden vertrieben worden waren, so in Tirol, soll heute noch im Volke die Sage umgehen, sie trügen Schwänze. Die Phantasie hat eben das Bild des Juden nach dem des Teufels gestaltet. Da ist es kein Wunder, wenn ihnen auch jegliches Teufelswerk zugetraut wurde, auch Eisenmengers angebliches jüdisches Geheimgesetz. V. In Wirklichkeit wäre es ja unmöglich, ein solches Gesetz zu bewahren. Ein einzelner Mensch kann sein Geheimnis in sich verschließen. Der unentdeckte Mörder mag es ins Grab mitnehmen, wenn er sein Leben lang zu schweigen vermag. Vielleicht können auch zwei, drei Menschen es hüten. Jedenfalls wird diese Aufgabe immer schwerer, je mehr Mitwisser existieren. Und dabei ist immer noch vorausgesetzt, daß das Geheimnis nur im Gedächtnis aufbewahrt wird. Was aber niedergeschrieben oder gar gedruckt wurde, kommt auf die Dauer unfehlbar ans Tageslicht, falls sich nur jemand dafür interessiert. Sorgsam gehütete Einzelheiten der Landesverteidigung oder Betriebsgeheimnisse werden auf die Dauer offenbar, falls nur Einer da ist, der sie kennen lernen will. Wie könnte da eine Tradition jahrhunderte- oder jahrtausendelang geheim bleiben! Die Geschichte des Talmud selber liefert für diese Unmöglichkeit einen interessanten Beleg. Er durfte ursprünglich nicht schriftlich fixiert werden, sondern wurde, gleich den homerischen Epen oder dem Nibelungenlied, mündlich vom Lehrer dem Schüler überliefert und eingeprägt (Gittin 60 b). Aber entgegen dem Verbot wurde er schließlich doch auch niedergeschrieben. Die Lehrer haben diesen Bruch mit dem alten Gesetz damit gerechtfertigt, daß die mündliche Lehre sonst vergessen worden wäre. Mündliche Überlieferung stirbt eben schließlich mit Sicherheit aus, die schriftliche bleibt, kann aber nicht geheim gehalten werden. An diesem Dilemma würde auf die Dauer jedes Geheimgesetz scheitern, selbst wenn es beabsichtigt sein sollte. Wo sich ein Bedürfnis gezeigt hat, ist der Talmud auch übersetzt worden. Näheres über die früheren Übertragungen des Talmud und anderer Werke der rabbinischen Literatur findet sich bei Hermann L. Strack, Einleitung in den Talmud, 4- Aufl., S. i44- Gerade eben erscheint eine neue Ausgabe in fünfzehn Bänden, von Lazarus Goldschmidt wortgetreu ins Deutsche übertragen. Es wäre tatsächlich technisch unmöglich, eine Lehre geheim zu halten. Indessen ist diese Erwägung für uns untergeordneter Art. Denn vor allem 285

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