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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 284

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Gibt es jüdische Geheimgesetze?
Date
1932-10-01
Page
284 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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Max Eschelbaoher Zunächst die hebräische Sprache! Die Wenigsten haben von ihr eine Ahnung. Die hebräischen Schriftzüge erscheinen deshalb den Meisten von vornherein als die Hieroglyphen eines Mysteriums. Das ist aber im wahren Sinne des Wortes eine optische Täuschung. Wer regelmäßig hebräisch liest, versteht ein hebräisches Buch so leicht oder so schwer, wie ein Philologe Cicero oder Tacitus, und für einen Talmudisten ist der Talmud nicht schwerer zu verstehen, als für einen Kleriker das Brevier. Beunruhigend wirkt weiter die unglaubliche Unbekanntschaft mit jüdischen Dingen. Man weiß vom Judentum nichts. Eben deshalb traut man ihm alles Mögliche zu. In einer Versammlung des von Ludendorff begründeten Tannenbergbundes sprach eine Rednerin über das Thema: „Hat Ludendorff recht?" Sie führte eine Reihe von Lichtbildern vor. Das erste stellte einen zweijährigen blondgelockten Knaben dar, wozu die Rednerin bemerkte: „Von dieser Rasse sind die Christenkinder, die die Juden alljährlich abschlachten. Es ist ja bekannt, daß die Juden jedes Jahr zu Ostern ein Christenkind abschlachten, um ihre Mazzen damit zu backen." Das ist im März io,3i in der hellen und aufgeklärten Stadt Düsseldorf einem großen, gläubig lauschenden Publikum in öffentlicher Versammlung erzählt worden. Der einzige jüdische Zuhörer ist, als er Widerspruch erhob, hinausgeworfen worden. Wenn aber solche Geschichten jahrhundertelang eingetrichtert werden, wird jede Phantasie und jeder Greuel geglaubt, auch die Fabel von den jüdischen Geheimgesetzen. Der letzte Grund dafür liegt schließlich in dem bösen Gewissen der Welt gegenüber dem Judentum. Seit dem vierten nachchristlichen Jahrhundert finden wir Juden in Deutschland. An achthundert Jahre lebten sie in Frieden und Freundschaft mit ihren Nachbarn. Da brachen, dem Anschein nach plötzlich, in Wirklichkeit lange und still durch die inneren Umbildungen der Wirtschaft vorbereitet, mit dem ersten Kreuzzug, im Jahre 1096, die furchtbaren Judenverfolgungen aus und hielten jahrhundertelang an. Damals ist den Juden unsägliches Unrecht geschehen. Das deutsche Volk empfand das Bedürfnis, das Schreckliche nachträglich zu rechtfertigen. So kamen denn um diese Zeit Anklagen auf, unerhört in der ganzen, auch damals schon Jahrtausende umfassenden Geschichte des Judentums. Im Jahre 1235 wurde zum ersten Male die Blutbeschuldigung erhoben. Es folgten die Anklagen der Brunnenvergiftung, der Hostienschändung. Das Volk machte sich nunmehr den Charakter des Juden so zurecht, daß er die vorangegangene Judenverfolgung rechtfertigte. Hier bewahrheitet sich Theodor Lessings Charakterisierung der Geschichte als 284

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