Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Gibt es jüdische Geheimgesetze?
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 283 (sequence 9)
- Language
- German
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Gibt es jüdische Geheimgesetze? Stimmung wieder, die dieser für viele so geheimnisvolle Orden in der Welt erweckt. Aber am anderen Pol werden die Freimaurer ganz ebenso als geheime Verschwörung und verbrecherischer Bund verfemt. „Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse" betitelt Erich Ludendorff die zwei Broschüren, in denen er 1928 und 1929 Juden, Freimaurer und Jesuiten für alles Unglück verantwortlich machte, das seit Jahrhunderten Deutschland getroffen hat. In Menge findet man hier absurde Satze z. B. „Die hebräische Jahreszahl für 1914 bedeutet nach den Gematriakünsten in Buchstaben übertragen das hebräische Wort für „Krieg auf dem Erdball". Die Ermordung des Erzherzog Thronfolgers sollte den Weltkrieg entfachen. In allen Kabinetten saßen Juden, Bit. Freimaurer oder Jesuiten oder deren willenlose Werkzeuge, die auf die Mordtat harrten." (II. S. 107.) Dem Kenner der Kirchengeschichte wird bei der Lektüre solcher Anschuldigungen eigentümlich zumute. Denn so, wie heute Juden, Freimaurerr und Jesuiten, ist einst das entstehende Christentum an den Pranger gestellt worden. Die Publizisten des ausgehenden Heidentums haben die kirchlichen Versammlungen als „ödipodäischc Vermischungen und thyestäische Verbindungen", d. h. als Vereinigungen zu Blutschande und Menschenfraß, denunziert, und ihre Anklagen haben im neunzehnten Jahrhundert noch ein lebhaftes Echo gefunden. Georg Friedrich Da um er, bekannt als Anwalt von Kaspar Hauser und als Übersetzer von Hafis, hat im Jahre 1847 €U1 Buch von 564 Seiten veröffentlicht: „Die Geheimnisse des christlichen Altertums". Gestützt auf massenhafte Zitate aus allen Zeiten versucht er hier, das Christentum als einen geheimen Molochdienst zu deuten! Lange vergriffen, ist dieses Buch 1923 in der Bibliothek proletarischer Freidenker neu erschienen. Wir haben also Schicksalsgenossen. Juden, Christen, Freimaurer und Jesuiten sind alle Sonderfälle für ein Gesetz, dem die menschliche Seele gehorcht. Eine unverstandene geistige Macht erscheint der fremden Welt in dem Schleier des, meist grauenvollen, Geheimnisses. Deshalb ist die Behauptung, es gäbe jüdische Geheimgesetze weniger für das Judentum belastend, als vielmehr für die Menschen und die Kreise, die sie aufstellen. Zu Ungunsten der Juden wirkt eine Reihe von Sonderumständen. Argwohn erregt die hebräische Sprache, in deren fremden Lettern die rabbinischen Schriften geschrieben sind. Die allgemeine Unwissenheit in jüdischen Dingen ruft Unsicherheit hervor. Endlich hat die Welt dem Judentum gegenüber ein schlechtes Gewissen. 2S3