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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 279

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Gibt es jüdische Geheimgesetze?
Date
1932-10-01
Page
279 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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Gibt es jüdische Geheimgesetze? Die Kabbalah will Gottes Wirken auf die Welt, und das Walten der Kräfte, der Sphären und der Engel enthüllen. Aber noch wichtiger ist ihr die andere Frage, wie der Mensch auf Gott wirken könne. Jüdische Mystik geht von Anfang an von der Überzeugung aus, daß Gott nicht getrennt vom Menschen ist, sondern daß der Mensch mit Ihm in inniger Verbindung steht, auf Ihn einwirkt und Ihm hilft. Ismael, der Hohepriester, schaute an einem Versöhnungstage Gott im Allerheiligsten des Tempels und hörte Ihn sagen: „Ismael, mein Sohn, segne mich! (Ber. 7a). Daß Gott den Menschen segnet, ist uns ein vertrauter Glaube. Fremd ist der Welt der umgekehrte, der Mensch, der Gott segnet. Und doch beginnt und schließt ungezählte Male das jüdische Gebet: Gesegnet seist Du, Ewiger! Der Mensch segnet Gott! Wundervoll stimmt diese Zuversicht überein mit der Idee von Kiddusch Haschern und von Chillul Haschern. In der Hand des Menschen liegt die Heiligung wie die Entweihung des göttlichen Namens. Der vornehmste Weg, auf dem der Mensch Gott bewegt, ist das Gebet. Darum ringt die Kabbalah um die Kraft des Gebetes. Sie lehrt das richtige Gebet, sie weist den Weg zur wahrhaften Kontemplation, kraft deren das Gebet Gott bezwingt. Ursprünglich galt diese Kabbalah als Geheimlehre. Sie durfte nur mündlich überliefert und nur Auserlesenen mitgeteilt werden. Im Laufe der Zeiten ist auch sie schriftlich fixiert worden. Ihr Hauptwerk heißt „Sohar", d. h. Glanz. Er hat die äußere Gestalt eines Bibelkommentars und ist im dreizehnten Jahrhundert in Spanien niedergeschrieben, aber wahrscheinlich aus sehr alten Elementen zusammengesetzt. Er ist, wie alle Hauptwerke der rabbinischen Literatur, übersetzt. Die jüngste Übertragung hat vor einigen Monaten Ernst Müller veröffentlicht: „Der Sohar, das Heilige Buch der Kabbalah", Wien 1982. III. Nichts von alledem meinen jene, die behaupten, es gäbe jüdische Geheimgesetze. Sie denken nicht an Maasse Bereschith und nicht an Maasse Merkabah, nicht an den Menschen, der Gott segnet und nicht an die Kabbalah. Sondern sie reden von einem angeblichen, geheimgehaltenen System jüdischer Gesetze, das es von Religionswegen dem Juden erlaube, den Nichtjuden zu betrügen. „Entdecktes Judentum" heißt das zweibändige Werk des Johann Andreas Eisenmenger, erschienen 1700 in Königsberg i. Pr., in dem diese Anklage ihren folgenreichen Ausdruck gefunden hat. 279

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