Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Gibt es jüdische Geheimgesetze?
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 277 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gibt es jüdische Geheimgesetze? selber werden deshalb als rabbinische Literatur bezeichnet. Ihrer äußeren Form nach ist diese geistige Welt eine ungeheuere Folge von Büchern. Die Glaubenslehre des Judentums aber schreibt ihnen eine unvergleichliche Würde zu. Denn danach bildet sie zusammen mit der Thorah die Gesamtheit der göttlichen Offenbarung an Israel. Diese „mündliche Lehre" wird deshalb in einem weiteren Sinne ebenfalls als Thorah bezeichnet. Was Mose seinerzeit zum Ruhme der Thorah verkündete, gilt auch für diese spätere Tradition: „Sie ist Euere Weisheit und Euere Einsicht in den Augen der Völker". Vor der Prüfung im einzelnen ist damit schon die Frage beantwortet, ob es jüdische Geheimgesetze gibt. Es kann im Judentum keine Gesetze geben, die das Licht der Welt zu scheuen hätten. Denn sie widersprächen jenem obersten Gebot dem ein Element der Thorah genügen muß; sie wären „Entweihung des göttlichen Namens". Das Judentum hat aus dieser Tatsache seine Folgerung gezogen. Es hat seine Lehre der Welt verkündet. Im Altertum äußerte sich diese innere Notwendigkeit in einer großartigen Missionstätigkeit. Zeugnis dafür liefert unter anderem das Matthäusevangelium (2 5, i3). „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Meer und Festland durchstreifet, um einen einzigen Proselyten zu machen!" Das Urteil über Pharisäer und Schriftgelehrte kann an dieser Stelle unerörtert bleiben. Keinesfalls ist das Evangelium für sie eingenommen. Um so schwerer wiegt sein Zeugnis über ihre Propaganda. Die spätere Zeit hat dem Judentum allerdings die Möglichkeit einer solchen Werbung genommen. Galt doch im Mittelalter der Verkehr von Christen mit Juden als eine Wurzel der Häresie, wurden doch die Juden vertrieben, damit nicht Kinder der Kirche durch die Berührung mit ihnen zu Ketzern würden. (Vgl. Moritz Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der Juden in Italien während des Mittelalters. Wien i884, S. 91 ff.) Trotzdem freut sich der Jude über jeden, er sei Jude oder Christ, der jüdische Lehre und jüdisches Wissen aufnehmen will. Wie im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert gelehrte Juden die Anfänge des hebräischen Studiums unter den Christen ermöglicht und gefördert haben, ist bekannt. In seiner Bulle Aeternus ille vom 1. März i58a beklagt Sixtus V. „die Vermessenheit moderner Exegeten, die, obgleich Söhne der Kirche, doch mehr nach den jüdischen Rabbinern als nach den Lehrern der Kirche sich richten zu müssen glauben". (Fridolin Amann, Die Vulgata Sixtina von i5()p, 277