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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 276

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Gibt es jüdische Geheimgesetze?
Date
1932-10-01
Page
276 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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""Max Eschelbacher biet ihr Beruf nicht liege. Ihr Anspruch vor dem Richterstuhl der Geschichte ruht auf einem anderen Grunde, auf der Verwirklichung des göttlichen Gesetzes. Völker, die uns näher liegen, Griechen, Römer, Germanen, Slawen, waren in jener Frühzeit noch nicht auf den Plan der Geschichte getreten. Aber Moses Deutung war ein prophetisches Wort, geschaut mit jenem göttlichen Blick, der, wie unser Hymnus „Jigdal" sagt, das Ende einer Sache von ihrem Anfang an schaut. Die Geltung des Judentums beruhte weder damals noch später auf der Gründung eines Imperiums, auf der Kolonisierung von Kontinenten, auf der Schöpfung einer großen Kunst, sondern sie floß immer aus dem Empfang der Offenbarung und ihrer Verwirklichung, zuerst im Staat, und nach dessen Untergang in der Gesellschaft und im persönlichen Leben. Als Mose den hebräischen Stämmen ihre geschichtliche und übergeschichtliche Bestimmung enthüllte, war eben jene frühere Periode unserer Geschichte abgelaufen, die wir als die hebräische bezeichnen. Juden gab es damals noch nicht, es gab erst Hebräer und Israeliten. Aber damals schon standen diese, und heute noch steht das Judentum im dauernden Kampf um den Erweis seines Lebensrechtes. Es schuldet diesen nicht nur der Welt, sondern ebenso sehr seinen eigenen Kindern. Wird doch, wie der Talmud sagt, die Thorah nicht durch Erbgang erworben. Ergreift doch die Skepsis gegenüber seinem geistigen Erbe den Juden selber. Wäre aber die Achtung vor der Thorah in unserer eigenen Mitte verschwunden, dann hätte sie ihre Kraft eingebüßt. Gälte ferner in den Augen der Welt der Träger dieser Lehre mit Recht als ein törichtes oder gar als ein verbrecherisches Volk, dann hätte die Thorah das Judentum, und das Judentum hätte die Thorah bloßgestellt. Beide wären denn nach einem erschütternden Wort der jüdischen Frömmigkeit „Chillul haschem" geworden, „Entweihung des göttlichen Namens". Die ursprüngliche Verantwortung des Judentums für sein geistiges und religiöses Erbe ist im Laufe der Geschichte noch gewachsan. Mose spricht nur von der Thorah im engeren Sinne, vom Pentateuch. Die spätere Zeit aber hat den Begriff weit ausgedehnt. Er umfaßt nunmehr auch die sonstige Lehre, die im Pentateuch nicht aufgenommen, ursprünglich nur mündlich überliefert war und erst spät niedergeschrieben wurde. Ihre wichtigsten Urkunden sind die beiden Talmude und die um ein Jahrtausend jüngere Kodifikation des Religionsgesetzes, der aus dem sechzehnten Jahrhundert stammende Schulchan Aruch. Außer ihnen aber umfaßt dieses enorme Schrifttum noch viele andere Werke. Ihre Autoren haben alle den Titel „Rabbi" getragen, und die Bücher 276

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