Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Der erste Weltbürger
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 272 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Hertz in einen Brunnen geworfen. Für diese Verletzung des Völkerrechts traf sie nun Unheil, und es hieß, daß der Geist des Talthybios, der einst Herold des Agamemnon war, ihnen zürne. Zwei Spartaner boten sich daher freiwillig dem Perserkönig als Sühneopfer an, doch dieser Heß sie großmütig frei und löste die Lakedämonier von ihrer Schuld (VII. i36). Toleranz gegen alles Menschliche, insbesondere gegen nationale Eigenart, ist oberste Pflicht. Nur ein Rasender, meint Herodot, könne mit den Gefühlen und den Gebräuchen anderer Völker Spott treiben. Der Perserkönig Dareios hat einst Hellenen gefragt, um welchen Preis sie die Leichen ihrer Väter essen würden, was bei vielen Naturvölkern Sitte war. Sie erwiderten entsetzt: um keinen Preis. Hierauf rief er Männer eines indischen Stammes, der eben diese Sitte hatte, vor und fragte sie, was sie dafür haben wollten, wenn sie nach hellenischer Art die Leichen ihrer Väter verbrennen sollten. Sie aber schrieen laut auf und sagten, er solle nicht so gottlos reden. Bei allem Gefühl für das Allgemeinmenschliche war Herodot ein guter hellenischer Patriot. Er war Zeitgenosse der großen Siege über die Perser und sein Bericht ist ein unvergleichlicher Heldengesang auf die kleine Griechenschar, an deren Freiheitsliebe die Riesenmacht des Xerxes zerschellte. Sein hellenisches Gefühl ist weit stärker als sein Stammesbewußtsein, und viele Stellen zeigen, wie schmerzlich er die nationale Zerrissenheit und gegenseitige Eifersucht der Griechen empfand (III. 9). Trotz seiner dorischen Abstammung schlägt sein Herz doch am wärmsten für Athen, die Retterin Griechenlands und den Hort der Freiheit. Begeistert preist er Freiheit und Gleichheit, die Athen erst groß gemacht haben, und die Fürstenherrschaft nennt er das ungerechteste und blutbefleckteste Ding auf der Welt (V. 78, 92). Doch ist Herodot weit entfernt, in Herabsetzung des Feindes und nationale Selbstüberhebung zu verfallen. Seine Geschichtsdarstellung vermeidet alle Beschönigung. Er verschweigt nicht, daß gerade Hellenen es waren1), die an Verrat wetteifernd die Perser zur Eroberung Griechenlands aufreizten, daß vielleicht die Mehrheit der Griechen teils persisch gesinnt, teils bereit war, sich je. nach dem Gang der Ereignisse auf die Seite des Siegers zu schlagen. Er zeigt, wie der Feind schon durch die Unlenksamkeit seiner ungeheuren Masse und durch schwere Meeresstürme geschwächt wurde. Ja, er erkennt an, daß die i) III. i34; V- 96; VI. 67, 94, 102, 107; VII. 6; IX. 2 usw. 272