Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Der erste Weltbürger
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 271 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der erste Weltbürger das Morgenland mit seiner alten Gesittung der gebende Teil, bald aber erstattete Hellas das Empfangene überreichlich zurück. Wahrheitsgetreu berichtet Herodot gute und schlechte Sitten der Völker, doch verweilt er lieber bei den guten. Während späterer hellenischer Nationalstolz (so selbst Aristoteles) alle Barbaren für minderwertig und feig erklärte, spricht Herodot mit größter Bewunderung von der Weisheit der Ägypter und der Tapferkeit, Wahrheitsliebe und Großmut der Perser. Sowohl Perser als Ägypter hatten eine höhere Gottesidee als die Griechen, da sie nicht glaubten, daß ihre Götter von Menschenart seien. Bei den Persern darf niemand von Gott für sich selbst ein Heil erflehen, sondern er betet für alle Perser und für den König. Selbst der König darf einen Menschen nicht ohne Recht und Gesetz töten lassen, und Sklaven sind gegen harte Behandlung geschützt. Das Lügen gilt als größte Schande. Von der Großmut des Perserkönigs gegen überwundene Feinde gibt Herodot viele Beispiele, und überdies sagt er ausdrücklich, daß die Perser von allen Völkern am meisten Tapferkeit beim Feinde ehren. Unwillkürlich vergleicht man hiermit die erbarmungslose Grausamkeit, die die Hellenen in ihren Kämpfen untereinander an den Tag legten. Besiegte wurden niedergemetzelt und versklavt; dies war Kriegsrecht. Auch an Lug und Tücke ist die griechische Geschichte überreich, ja Geschicklichkeit im Schwören falscher Eide galt bei Homer als Göttergabe. Mit beißendem Hohn sagt der Perser^ könig Kyros dem spartanischen Gesandten von allen Hellenen, er habe sich noch nie vor solchen Leuten gefürchtet, die mitten in ihrer Stadt einen Ort haben, wo sie zusammenkommen und einander betrügen durch Schwur und Eid. (I. i53.) Selbst die ruhmgekrönten Befreier Griechenlands Themistokles und Pausanias sind ohne mildernden Grund zu Verrätern ihres Vaterlandes geworden. Entsetzlich wirkte vor allem Geldgier, die vor keinem Verbrechen zurückscheute. Wiederholt sprach, nach Herodot selbst, der delphische Gott so, wie es am besten bezahlt wurde; ein Spartanerkönig nach dem andern erliegt der Bestechung, und auch Themistokles' Name ist arg befleckt. Ausdrücklich erwähnt Herodot als eine der schönsten Taten des seiner Gerechtigkeit wegen berühmten Kadmos, daß er die ihm von König Gelon anvertrauten Schätze nicht unterschlagen habe (VII. i64). — Zu solchen Vergleichen regt Herodots Werk an vielen Stellen an, doch zieht er sie selten selbst. Er begnügt sich, die Tatsachen sprechen zu lassen. Mit Vorliebe betont der große Reisende die Unverletzlichkeit der Fremden und Schutzflehenden (vgl. I. i5o,). Besonders den Ägyptern rühmt er Humanität gegen Fremde nach (II. n5, 160), und dem Miltiades trug seine Gastlichkeit eine Königskrone ein (VI. 35). Die Lakedämonier hatten persische Herolde 271