Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 270

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Der erste Weltbürger
Date
1932-10-01
Page
270 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895507-2895512-2902517--05965-2902585
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Friedrich Hertz Altertum glaubte, daß die Völker da und dort der Erde entsprossen seien, vornehme Geschlechter und Stämme aber leiteten sich von Gottern her. Das Bewußtsein der Einheit des Menschengeschlechts fehlte, und hierin liegt ein Grund der greuelvollen Selbstzerfleischung, die Hellas zugrunde richtete. Bei Herodot nun dämmert die Ahnung auf, daß die Verschiedenheit der Völker nur bunter Schein sei. Auf Schritt und Tritt sieht Herodot geistige Zusammenhänge zwischen den Völkern. Von den Ägyptern haben nach ihm die Hellenen die Namen ihrer Götter und ihre heiligsten Gebräuche gelernt (II, 4 43, 49—58, 8i, 171), von dien Phöniziern die Schrift und mancherlei Wissenschaft (V. 58, 59). Bei den Griechen hatten sonst jeder Ort und jede Familie ihre Götter, und der Geist feindlicher Absperrung herrschte auf religiösem wie nationalem Gebiet. Ein unerhörter Frevel war es, wenn ein Dorier den Athenetempel auf der Akropolis betrat (V. 72). Herodots Gottesbegriff aber ist eher übernational: alle Völker verehren dasselbe Göttliche unter verschiedenen Namen. Zwar hütet sich Herodot in frommer Scheu vor theologischen Erörterungen, aber, was er berichtet, deutet darauf hin. Dies mußte nun die Beziehungen der Völker grundlegend ändern. Wenn verschiedene Völker dieselben Götter verehren, so müssen sie entweder gleicher Abstammung sein, oder voneinander gelernt haben. Herodot berichtet viel über diese Zusammenhänge. So erzählt er von großen urzeitlichen Völkerwanderungen und Kriegszügen, die bald die Völker Asiens nach Europa, bald Europäer nach Asien, Ägypter nach dem Norden und Skythen nach dem Süden geführt haben sollen. Er sagt, daß vor den Hellenen ein barbarisches Volk, die Pelasger, Griechenland bewohnten. Die Athener aber seien überhaupt Pelasger, die nur die hellenische Sprache angenommen und durch Mischung mit vielen anderen zuwandernden Völkern ihre Bedeutung erlangt hätten. (I. 57ff., VIII. 44u.ff.). Auch der karische und phönizische Einschlag im Griechenvolk wird wiederholt erwähnt, besonders bei den Athenern. — Ferner glaubt Herodot, daß die Griechen nicht nur mit den Medern, sondern auch mit den Ägyptern und Assyrern verwandt seien, was er mit gewagten mythologischen Namensdeutungen begründet (VI. 53 ff., VII. 62). — In vielen Dingen sind nach ihm die Fremden Lehrmeister der Hellenen gewesen. Es bleibe dahingestellt, wie weit diesen Erzählungen Tatsachen zugrunde lagen. Die moderne Forschung hat manches als Fabel erklärt, wobei man gelegentlich in der Kritik vielleicht wieder zu weit ging. Als Gesamtbild ergibt sich aber doch eine enge geistige Verwandtschaft aller Völker jener Welt, eine frühe und starke Mischung von Rassen und Kulturen. Hierbei war zunächst 270

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.