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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 267

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Soziologie des Judenhasses
Date
1932-10-01
Page
267 (sequence 8)
Language
German
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Soziologie des Judenhasses möglich. Beruf, Besitz, Bildung und vor allem ererbte Stellung sind Bedingungen für die Zulassung zu einem bestimmten Kreis. Die Abneigung, Juden aufzunehmen, kann nur durch ein Mehr von Leistung, Ansehen und Bildung überwunden werden, aber nur für den Einzelnen, nicht z. B. für seine Familie. Ein inneres Ghetto und eine Vorstellung von Paria sind irgendwie geblieben. Die bürgerliche Emanzipation hat auch bei den Juden einen Willen zum sozialen Aufstieg hervorgerufen, aber das Parvenütum erhielt eine spezifisch jüdische Note. Der alte Reichtum, der den guten Geschmack und die Sitten bestimmte, war verdrossen durch die aufdringliche Zurschaustellung der Neureichen, obwohl doch gerade die Juden, sobald sie sich es irgendwie erlauben konnten, vom Gelderwerb sich abwandten. Es ist üblich, über die Juden im allgemeinen zu schimpfen, aber einen bestimmten, persönlich bekannten Juden als Ausnahme zu bezeichnen und anzuerkennen. Die Verallgemeinerung betrifft ein unfaßbares fremdes und darum unheimliches Wesen. Denn in Westeuropa sind die Juden nicht einfach Fremde, eine nationale Minderheit, also ein abgesprengter Volksteil (wie die Deutschen in Ungarn), hinter dem ein Staat und Land stehen. Es ist vielmehr die völlige Zerstreuung in einzelne Splitter, durch die das ganze Judentum mit Argwohn und Übelwollen beurteilt wird, und immer wieder vermutet man hinter diesen Einzelnen eine geheime Verbundenheit und Gesamthaftung. Da der Nichtjude die wenigen bekannten Juden ausnimmt und die unbekannten, namentlich die zugewanderten Juden des Ostens, für minderwertig hält, hat der Westjude begonnen, seine eigene Gruppe abzuwerten. Selbstachtung hängt mit dem Superioritätsbewußtsein der Gruppe zusammen. Wo nun aber ein Minderwertigkeitsbewußtsein bei den Mitgliedern einer unterdrückten und verstreuten Gruppe erzeugt wird, versucht sich der Einzelne der jeweils herrschenden Schicht anzugleichen. Maßstab und Vorbild auf jedem Lebensgebiet wird das Nichtjüdische; die Umgangsformen, wie die Sittlichkeitsnorm der Umwelt, werden nachgeahmt In der völlig anormalen Situation und infolge der Minderwertung ergibt sich ein jüdischer Antisemitismus. Es graut dem Juden vor seinem eigenen Glaubensgenossen. Er beurteilt überkritisch jede jüdische Handlung und erfreut sich nur bei besonders durch die Umwelt anerkannten Leistungen des Judeseins, so daß ein wahrer Geniekult entsteht. Es ist natürlich, daß die „Erniedrigten und Beleidigten" einen erhöhten Geltungsdrang haben, sich vor- und aufdrängen, durch den Luxus der Frauen abstechen wollen und, lange zu bestimmten Gewerben, die den Charakter nicht veredeln, gezwungen, das Doppel- 267

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