Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Soziologie des Judenhasses
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 266 (sequence 7)
- Language
- German
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Gottfried Salomon Ende zu stellen, also nach Tierzuchtprinzipien durch Selektion und Eugenik Neugermanen zu bilden; man hat außerdem eine Variante der von der wissenschaftlichen Forschung abgelehnten Rassentheorie in der Lehre vom Volkstum gefunden. Die deutschvölkische Lehre Stapels etwa hat mit der Rassentheorie nur gemein, daß aus dem Natürlichen die geistige Welt erklärt werden soll. Volk erscheint als eine natürliche pflanzenhafte Einheit, ein in sich geschlossenes Leben, das durch fremde Einflüsse zersetzt oder gestört werden kann; damit ist der eigentliche Grund der Feindschaft enthüllt, der Fremdenhaß. Die eigene deutsche Volkskultur soll autonom werden. Blüher erklärt, daß zwar die Deutschen ihre Kultur aus Griechen- und Christentum hätten holen müssen und daß aus der Bibel die religiösen Grundlagen und aus den Propheten die Begründung des sittlichen Willens herstammen und durch die Übermittlung der Juden und Araber überhaupt erst wieder die antike Philosophie und Kunst für die Renaissance erstand; aber er folgert nun, däß mit dem Judentum auch das Christentum und Griechentum beseitigt werden müssen, das fremde Altertum, um im Rückgang auf das eigene Altertum der Germanen der Edda eine deutsche Religion, Sittlichkeit und Kunst zu schaffen. Dieser kulturelle Antisemitismus ist allerdings auf kleine Kreise beschränkt, die nachzuweisen suchen, wie die Literatur und Kunst semitisch verseucht sind. Der Jude wird nicht auf Grund seiner Leistung beurteilt, sondern hinter ihm erscheint das verhaßte Fremdvolk. Einsteins Theorie und ihr Erfolg müssen auf Reklame beruhen, Freuds Entdeckungen den Beweis für sittliche Verderbtheit abgeben. Jedenfalls wird eine Bedrohung der eigenen Gruppe durch fremde Kultureinflüsse behauptet und die kulturelle Wirksamkeit des Juden, die gar nicht spezifisch sein kann, als etwas rein Jüdisches gedeutet. Als politischen Antisemitismus kann man die offizielle Entrechtung der als fremd empfundenen Minorität bezeichnen. (In Rußland namentlich hat man die Unzufriedenheit durch den Fremdenhaß abzulenken versucht.) Die Judenfeindschaft wird durch die Erklärung der Gleichberechtigung nicht beseitigt. Man könnte annehmen, daß Juden viel verhaßter wären, wo sie, wie im neuen Polen, Parteien bilden, statt nur allgemein als Staatsbürger und Parteimitglieder aufzutreten, aber man stört sich nicht an der politischen Betätigung einer Minorität, sondern an dem Einfluß einzelner Juden auf die allgemeine Politik. Wo politische Gründe wegfallen, bleibt die Äußerungsmöglichkeit gesellschaftlicher Art. Geselliger Verkehr wie eheliche Bindimg werden in der bürgerlichen Gesellschaft nach bestimmten Anschauungen von Gleichwertigkeit 266