Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Soziologie des Judenhasses
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 265 (sequence 6)
- Language
- German
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Soziologie des Judenhasses nebmer, indem der nichtjüdische Arbeitgeber ungern und nur ausnahmsweise Juden beschäftigt. Die Wirtschaft wird zu einem Mittel im nichtwirtschaftlichen Gruppenkampf, so daß der jüdische Großhandel in Geld und Waren Feindschaft in Kreisen auslöst, die, wie in Aktiengesellschaften, an den Unternehmen selbst beteiligt sind. Nun ist diese Einstellung aber gar nicht rational begründet Das bürgerliche Vorurteil nimmt vielmehr feudalistische Formen an, indem es sich auf die Rasse bezieht, um den „nomadisierenden Semiten" von vornherein eine zersetzende Wirkung gegen alle stabile Ordnung zuzuschreiben und den Juden als wesensfremden Schädling zu erklären. Der Rassenhaß versucht sich in einer kulturgeschichtlichen Deutung, die Trennung der Sprachen und die Unterscheidung der Schädelformen sollen einen von Urzeiten verschiedenen Geist bedingen; die Menschen werden buchstäblich nach ihrer Oberfläche, nach Haut-, Haar- und Augenfarbe unterschieden. Blut dominiert über Vernunft. Eine qualitas occulta ist maßgebend für Rang und Wert, denn mit der Erklärung der Rasse ist ja seit Gobineau die feudale Rechtfertigung verbunden, aus der Abstammung ein Recht abzuleiten und die Herrschaft aus der Überlegenheit zu bestimmen. Merkwürdig unchristlich ist die Verquickung von Volk und Religion, wenn der Monotheismus als Geisteshaltung von Wüstenvölkern erklärt wird, während die arischen Völker die Mannigfaltigkeit der Natur in einem Polytheismus bewahrten und also (noch bei Renan) das Christentum durch die Einführung heidnischer Elemente die Schranken eines eintönigen Gotteskultes durchbrochen haben. Im Gegensatz zu der Mannigfaltigkeit der Typen und Formen arischen Geistes wird der Jude als ein einziger Typus dargestellt. Wie immer ist der Feind einheitlich gesehen und in der Polemik zur Karikatur geworden. Je äußerlicher der Andere als der Fremde erfaßt wird, desto mehr muß man sich an Gesicht, Gebärde und Sprechweise halten. Nicht nur die religiöse und moralische, sondern auch die ästhetische Überlegenheit ist der eigenen Gruppe vorbehalten. Dem Angehörigen eines anderen Typus, der von der Norm abweicht, wird der Stempel des Abschreckenden aufgedrückt. Das Äußere des Gehaßten ist die Häßlichkeit (Judennase). Indem man an die Dauer körperlicher Merkmale und ihren Zusammenhang mit geistig-seelischen Eigenschaften glaubt, hat man damit ein Zeichen, an dem der Fremde als Feind leicht kenntlich ist, wie Bernstein mit Recht erklärt. Da alle heutigen Völker Europas rassengemischt sind, so ist man auf die Idee gekommen, die reine Edelrasse nicht an den Anfang, sondern an das 265