Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Soziologie des Judenhasses
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 264 (sequence 5)
- Language
- German
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Gottfried Salomon leute verhaßt und verfolgt worden wären wie die Juden. Der wirtschaftliche Judenhaß muß also einen tieferen Grund haben. Der Haß gegen Kapital und Kapitalismus wendet sich gegen einen bestimmten Träger. Die sogenannten vorkapitalistischen Schichten: Bauern und Handwerker, Mittelständler, und nicht etwa Lehensfürsten und Bischöfe, waren (und sind) Antisemiten. Jüdischer Geist wurde kapitalistischem Geiste gleichgesetzt und das „Volk des goldenen Kalbes" für die Zerstörung der traditionellen Ordnung verantwortlich gemacht. Da sich den Mitgliedern der Zünfte der moderne Kapitalismus als Krankheit am gesunden Organismus des Volks darstellte, haben sie die Fremdkörper bekämpft. Zwischen Juden und Christen bestand ursprünglich eine Symbiose; nun wurde der Jude zum Parasiten erklärt, der Händler überhaupt galt als Schmarotzer. Sombart sagt voll Bewunderung: „Wie die Sonne geht Israel über Europa, wo es hinkommt, sprießt neues Leben hervor". Die Juden erscheinen als eigentliche Gründer. Die fremde wird mehr als die eigene Herrenschicht gehaßt und bekämpft. Aber bei der Darstellung der jüdischen Geldherrschaft ist vom jüdischen Proletariat gar keine Rede. — Wie die Juden als Träger des Kapitalismus, so erscheinen sie auch als Gründer des Sozialismus. Es werden immer nur Marx und Lassalle genannt, nicht ihre französischen und englischen Vorläufer Owen und Fourier, Godwin und Proudhon, und es wird also bei dieser deutschen Einstellung völlig übersehen, daß ja auch Juden wie Stahl den preußischen Konservativismus und Juden wie Lasker den Liberalismus bestimmt haben. — Die Zuordnung der Juden zu Parteien oder Klassen und Ständen ist unmöglich. Die Juden verteilen sich über viele sozialwirtschaftliche Gruppen; aber der jüdische Proletarier ist ebenso verhaßt wie der jüdische Händler. Daß die wirtschaftliche Bestimmung des Hasses heute voransteht, liegt daran, daß die Wirtschaft für das bürgerliche Leben maßgebend ist. Aber der Judenhaß hat eine Grundlage in der nichtwirtschaftlichen Gruppenfeindschaft. Wenn der kleine Ladenbesitzer gegen den Großhändler steht und die Warenhäuser als unlautere Konkurrenten bekämpft, so gibt nicht etwa nur der wirtschaftliche Gesichtspunkt des Geschäftsneides den Ausschlag. Der Fremdenhaß durchbricht die Gegensätze der Wirtschaftsgruppen. So hat sich auch bei den Arbeiterparteien, z. B. in Polen, der Judenhaß stärker erwiesen als die Klassensolidarität, so daß eine eigene jüdische Arbeiterpartei entstehen mußte. Es besteht ein merkwürdiges Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeit- 264