Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Soziologie des Judenhasses
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 263 (sequence 4)
- Language
- German
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Soziologie des Judenhasses den Glauben an die Wahrheit der eigenen Überzeugungen nicht erschüttert, ja das Gefühl des eigenen Besitzes der letzten Wahrheit nur steigert, so stehen doch die religiösen Gruppen wie alle anderen Gruppen gerade mit ihren engsten -Nachbarn in einem Kampfverhältnis. Indem die Christen aus einer Sondergruppe des jüdischen Volkes herauswachsen und ihre Kirche Staatsreligion des alten wie des neuen römischen Reiches wird, erscheint die jüdische Religion, das Gesetz einer andern Lebenshaltung, als Gruppenmerkmal der Fremden. Der religiöse Judenhaß ist also die ursprünglichste Form des Fremdenhasses. Wäre der Glaubenskampf aber allein maßgebend, dann hätte der Haß mit dem Zurücktreten oder der Gleichstellung religiöser Überzeugungen im Zeitalter der Toleranz verschwinden müssen. Gegen Konvertiten und Assimilanten gibt es keinen Feindschaftsvorwand in der religiösen Sonderüberzeugung, Die wirtschaftliche Stellung der Juden wird durch die Exklusivität erklärt. Aber die Absonderung im Ghetto war zunächst eine freiwillige Isolierung und Privilegierung wie bei den Kolonien anderer fremder Kaufleute, die (wie die Hanseaten) unter eigenen Gesetzen lebten. Die Judenviertel wurden später zu Gefängnissen, seit den Kreuzzügen und den damit verbundenen Judenverfolgungen. Erst die Konzilien des 5. und 6. Jahrhunderts verboten den Christen Ehe- und Speisegemeinschaft mit Juden; die Ausschließung vom Grundbesitz und Handwerk sowie von städtischen Ämtern war keineswegs allgemein und hat sich erst allmählich durchgesetzt. Eine besondere Tracht zur Abhebung hat den Juden erst das 4- Laterankonzil vorgeschrieben. — Wie erklärt sich die Sonderstellung der Juden im Gefüge der mittelalterlichen Wirtschaft? In der mittelalterlichen Stadt wie in der antiken polis bestanden Berufsstände, die zugleich Wehr- und Kultgenossenschaften waren. Aus diesen traditionellen und lokalen Vereinigungen waren die Juden ausgeschlossen. Sie wurden zu freien Elementen im Fernhandel und den sogenannten freien Berufen. Da nicht die Landbevölkerung, sondern die Oberschicht der Städte über die Völker sich zerstreute, so drangen die Juden in die entsprechenden Stellungen ein und durchbrachen den „organischen" Aufbau. Die fremden Kaufleute wurden zunächst herangezogen, um als Pioniere zu wirken, und der Kampf gegen Juden wie andere Fremdvölker wurde ein „Symptom für die Entstehung eines nationalen Händlertums" (Max Weber). Seit das lateranische Konzil Christen das Zinsnehmen von Christen verbot, wurde die Geldleihe zum Geschäft der Fremden, der Juden oder, in den Ländern aus denen sie vertrieben wurden, der Lombarden und Cahorsiner (aus Südfrankreich), ohne daß diese nichtjüdischen Geld- 263