Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Soziologie des Judenhasses
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 262 (sequence 3)
- Language
- German
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Gottfried Salomon so ist er soziologisch auch auf einen bestimmten Träger der haßerfüllten Auseinandersetzung gestoßen. Weder feudale noch proletarische Kreise brauchen zum Kampfe die Mobilisierung des Geistes; aber der als Nation erklärte dritte Stand, der sein Privatinteresse mit dem öffentlichen Wohl identifiziert, bedarf für den Aufruf zum öffentlichen Dienst einer moralischen Rechtfertigung, weil unkriegerische Schichten zum Kriegsdienst aufgefordert werden. Da das Christentum zurückgedrängt wird, tritt dabei das Heidentum wieder hervor. Der Individualismus im Verhältnis der einzelnen Seele zu Gott macht einem Kollektivismus des Massenverhaltens Platz, und Masse heißen eben nicht die organisierten Stände oder Klassen, sondern jene in Familienstreit, Konkurrenzkampf und Nationalkrieg stehenden bürgerlichen Mittelschichten. Sozialgenetisch ist denn auch bei diesen bürgerlichen Massen der Judenhaß zu finden. Der Judenhaß hat eine lange Tradition. Die Juden wurden schon im römischen Reich verfolgt, wenn sie zahlreich und geschlossen auftraten und rechtlich oder politisch hohe Stellungen einnahmen. Die Proselyten und Immigranten haben einen Fremdenhaß hervorgerufen, und die Ablehnung des Kaiserkultus wie einige Privilegien ergaben eine dauernde Absonderung. Aber die Stellung der Juden unter den römischen Kaisern war durchaus verschieden von ihrer Stellung unter den christianisierten Germanen. Die Abwehr des fremden Gottes, der nicht wie die Götter vom römischen Reich einverleibter Völker in das Pantheon aufgenommen werden konnte, wurde zu einem Glaubenskampf der beiden monotheistischen Religionen. Die ursprüngliche Annahme, der endgültige Sieg des Christentums hinge von der Bekehrung der Juden ab, wurde verdrängt durch die Vorstellungen der Mysterienspiele, in denen den Juden die Schuld am Kreuzestod Christi gegeben ward. Die Juden, und zwar noch die heutigen Juden, werden seitdem für ein Geschehnis haftbar gemacht, das zwischen religiösen Gruppen des gleichen Volkes sich abspielte. Diese merkwürdige Kontinuität, die zwischen dem antiken und dem modernen Judentum behauptet wird, spielt auch bei der moralischen Anschuldigung eine Rolle. Wie die Griechen von den Barbaren, so hatten sich die Juden von den Heiden geschieden, auf die ihre eigenen Sittengesetze nicht angewandt werden konnten. Mit der Christianisierung des Heidentums wurde aber diese Sonderstellung angefochten. Die Prätention universeller Gültigkeit der Offenbarung des neuen Testaments war durch die Gesetzestreuen des alten Testaments bestritten. — Die Mission des Christentums wandte sich zunächst gegen diese Andersgläubigen, die Juden. Wenn auch die Andersgläubigkeit des Einzelnen 262