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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 261

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Soziologie des Judenhasses
Date
1932-10-01
Page
261 (sequence 2)
Language
German
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Gottfried Salomon: Soziologie des Judenhasses menschen. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, wesentlich als Mitglied einer bestimmten Gruppe. Der Mensch ist dem andern Menschen der Nächste, nämlich als Einzelner. Das Ich steht einem Da gegenüber in der Intimität und Privatheit der Person. Das Ich als Mitglied eines Wir aber steht einem andern Ich entgegen. Kampf ist der öffentliche Znstand, während Frieden, Liebe, Güte privat sind. Die Gruppierungen sind nur dazu da, ein „Verteilungsschema für den Kampf" zu geben, ja die Gruppe behauptet sich nur im offenen oder latenten Konflikt als größeres Ich ihrer Mitglieder. Der Kollektivegoismus, in den der Egoismus der Einzelnen auf ein größeres Ganzes übertragen wird, steht in den Zeiten voran, wenn die Gruppe vollständig (wie im Kriegszustand) ihre Mitglieder beherrscht. Man muß das Verhalten zum Andern als dem Nächsten, dem Genossen der eigenen Gruppe, unterscheiden von dem Verhalten zum Andern als dem Fremden. Im Kreis von Meinesgleichen, den Gleichgearteten und Gleichgesinnten, dauert ein „primitiver Gemeinschaftsgeist" gegenseitiger Anerkennung fort, und es besteht Gleichberechtigung. So seltsam es ist, daß man seinen Mitmenschen als Feind betrachtet, weil er eine andere Hautfarbe hat, eine andere Sprache spricht oder einer andern religiösen Überzeugung ist, der Grund der Feindschaft liegt in dem Anderssein, der Fremdheit. Die Bedrohung, welche vom Menschen ausgehen kann, wird durch das Unbekannte hervorgerufen. Erst Nähe und Ähnlichkeit bestimmen Vertrauen und Sicherheit. Von den Angehörigen derselben Gruppe als dem Bekannten, dem Nahestehenden sind die Unbekannten, die Fernstehenden getrennt. Sie sind unverständlich, auch wenn sie dieselbe Sprache sprechen und dasselbe Land bewohnen, aber einen fremden Gott anbeten. Da die Gruppe auf einen Glauben sich begründet, so ergibt der Glaubensunterschied ursprünglich den politischen Gegensatz (zwischen Moslem und Hindu wie zwischen katholischen Kroaten und orthodoxen Serben und zu Zeiten zwischen Protestanten und Katholiken in Deutschland). Der Fremde ist der Feind und meist der nächste Feind. Die Auseinandersetzung und Spannung tritt zuerst zwischen Verwandten auf, zwischen feindlichen Brüdern. Gerade in dem nahen Zusammenleben ist der Spannungsgrad am größten (zwischen Deutschen und Franzosen und nicht zwischen Deutschen und Rumänen). Aus diesem dauernden Widerstreit wird überhaupt erst der Judenhaß verständlich. Wenn Scheler den Ursachen des Deutschenhasses im Kriege nachspürt, 261

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