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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 260

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Soziologie des Judenhasses
Date
1932-10-01
Page
260 (sequence 1)
Language
German
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Soziologie des Judenhasses Von Gottfried Salomon Wenn ich auch wie Bernstein und Oppenheimer hinter den verschiedenen Ausdrucksformen des Judenhasses die ursprüngliche Einstellung gegen den Fremden als Feind sehe, so wende ich mich mit dieser Darstellung an Juden, und zwar an den Einzelnen. Denn alle Aufklärung kann nur als Selbstkritik und Selbsterklärung den Einzelnen erreichen. Man kann den Judenhaß soziologisch nur als einen Sonderfall des Fremdenhasses erklären. Der anstößige Affekt, welchen der Jude auslöst, ist begründet in dem anormalen Fall, daß er zu einer Gemeinschaft gehört und nicht gehört. Leidenschaften trüben das Urteil, und doch ist zwar nicht dem Einzelnen, aber Gruppen gegenüber unsere Haltung affektbestimmt. Das zeigt sich schon, wie Bernstein hervorhebt, an der Bezeichnung der Eigenschaften, denn rein sprachlich können die gleichen Handlungen lobend oder tadelnd benannt werden. Die Antipathie wird nicht erst von kritisierten Handlungen oder Eigenschaften hervorgerufen, vielmehr kann man einen Andern nicht leiden und hat infolgedessen an ihm auszusetzen. Die Einseitigkeit, die in der Beurteilung des Andern liegt, wird in der Völkerpsychologie vollends zur Verurteilung. Gunst und Haß entwerfen ein Charakterbild. Diese Parteinahme rechtfertigt sich durch die Erklärung unpersönlicher Ursachen wie des Schicksals oder des Bösen an sich. So erscheint die Menschheitsgeschichte als ein ewiger Kampf, in dem jede Partei ihre Feindschaft für moralisch berechtigt hält. Obwohl Vorwand oder Anlaß jeweils erst gesucht werden, setzt der Angriff eine Vorstellung von schlechten Eigenschaften, einen bösen Willen der Andern und die Abwehr einen Wunsch nach Vergeltung voraus. Diese ständige Auseinandersetzung ergibt sich aus der Gruppierung der Menschen, nicht etwa aus einer absoluten Feindseligkeit und Bosheit des Einzel- 260

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