Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 258

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Der Segen Jakobs
Date
1932-10-01
Page
258 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895507-2895512-2902515--05951-2902573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Bruno Italiener Vielleicht wäre die künstlerische Wirkung der aus dem leuchtenden Weiß der Bettkissen sich aufrichtenden Patriarchengestalt, besser noch, der ganzen in Hell getauchten Gruppe links vom Beschauer, garnicht so stark, wenn ihr nicht die dunkle, erdfarbene, in dem Gfau der Vorhange fast verschwindende Gestalt der Asnath gegenüberstände. Was mag den Meister veranlaßt haben, diese, wie schon bemerkt, in der Bibel nicht erwähnte Figur der Frau in den Vorgang einzuführen? Wiederum gibt Vers 16 des 48. Kapitels die Erklärung. Der Vers schließt: W'jidgu larow b'kerew haarez" „fischgleich mögen sie wachsen zur Menge inmitten der Erde". Dieser Satz bedeutet, wie bereits gesagt, die „rätselhafte Fülle", bedeutet die „Fruchtbarkeit", das aus geheimnisvollem Mutterschoß quellende, ewig sich erneuernde Leben. Kann es denn auch anders sein? Von einem Segen ist die Rede, und „Segen" heißt zunächst im Sinne des „Alten Testaments" — an zahllosen Stellen ist es bezeugt — „Fruchtbarkeit". Darf deshalb in dem „Segen Jakobs" die Frau fehlen, die Mutter? Asnath ist das Symbol der Fruchtbarkeit. „B'kerew haarez" „inmitten der Erde" schließt jener Vers — aus dieser Erde scheint Asnath herausgewachsen, ein Stück Natur, erden in der Farbe, erden dem Wesen nach. — Asnath ist reich geschmückt, Geschmeide im Haar und Ohr, um Hals und Brust. Aber der Schmuck wirkt kalt, wie aufgehängt an dieser Frau, die „dasteht wie eine Hörige", meint Hausenstein. Er hat recht, sie ist unfrei, wie alle Natur unfrei ist, gebunden gegenüber dem Geist, der dort drüben — weit, weit weg — wie durch eine Welt getrennt, in der Gruppe der vier, in den Segensworten des Alten geheimnisvoll weht. Die Frau hört die Worte wohl, aber sie gleiten an ihr ab. Denn sie ist eine Ägypterin, eine kühle stolze Ägypterin. Genug, daß sie äußerlich die Haltung wahrt. Man sieht es dem säuerlichen Ausdruck dieses etwas herben Gesichtes an, daß das Herz wo anders ist. Das ist dort draußen bei den Ihrigen, bei dem mächtigen, reichen Ägypten, in dessen Mitte die Familie des Jakob, ein kleines, schwaches Häuflein, eng zusammengedrängt, geduldet lebt, zufrieden, wenn man sie, wie die vier dort, in ihrem seltsamen Gebahren nicht stört. — Hin und her wandert der Blick: von dem hellerleuchteten Antlitz der Frau zu dem beschatteten Antlitz des Greises, von der Gesunden, Aufrechten, Reichen hier zu dem Frierenden, Sterbenden dort. Doch seltsam, je länger das Auge verweilt, um so mehr wandelt sich der Eindruck, um so mehr ist es, als ob die Einsame immer einsamer würde, als ob aller Glanz falsch wäre, falsch das lacht, wie das des Mondes, nur da, weil die Sonne dort im Untergehen ihm 258

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.