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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 257

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Der Segen Jakobs
Date
1932-10-01
Page
257 (sequence 5)
Language
German
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„Der Segen Jakobs" Fülle zu ahnen, die wie aus dem „Nihil", dem „Nichts", der abendländischen Mystiker, der „Leere" der buddhistischen Ekstatiker, so hier aus dem „Leeren", dem „Abgrund" dort in der Mitte des Bildes dem Beschauer entgegenströmt. Es ist bewundernswert, mit welch sicherem Instinkt Hausenstein1), obgleich selbst ihm die entscheidende Stelle in Kapitel 48 entgangen sein dürfte, die Nähe des das ganze Bild in tieferem Sinne beherrschenden Engels geradezu wittert: „Aber das größte der Geheimnisse wohnt in der lockeren Undurchdringlichkeit des grauen Grundes, in seinem gefährlichen Ungefähr, das dem Gewölk vergleichbar ist ..." Seltsam — je rätselhafter uns das Geheimnis anmutet, das in jenem „Leeren", jenem „Nichts" des Gemäldes brütet, um so klarer werden nun Menschen und Gegenstände nach Gruppierung, Haltung und Ausdruck. „Israel machte sich stark", so hebt der Bericht vom „Segen Jakobs" an. Empfängt er nicht jetzt erst durch Rembrandt die rechte Deutung? Der in der Mitte des Bildes geisternde Engel ist der Kommentar zu jener Bibelstelle, ist die Erklärung zu dem Wunder, daß ein Sterbender sich stark macht und aufreckt auf seinem Lager und segnet. — Das Spiel der Hände — Greisenhand, Männerhand, Kinderhände (von den Frauenhänden wird in einem anderen Zusammenhang noch zu sprechen sein), alle nahe aneinander gerückt — ist durch den Text der Schrift in gewissem Sinne verständlich; ist doch in den Versen i3—18 nicht weniger als achtmal in verschiedenen Ausdrücken von der „Hand" die Rede. Immerhin verdient die bewußte Abweichung des Meisters von dem Wortlaut der Bibel Beachtung: Statt der gekreuzten Jakobshände legt Rembrandt dem jugendlich errötenden Knaben Ephraim die Kinderhände gekreuzt über die Brust. Damit gelingt dem Meister nicht nur der künstlerische Eindruck gesteigerter Andacht, sondern darüber hinaus eine noch innigere seelische Vereinigung der vier männlichen Gestalten. Gar nicht nahe genug können ciie Nachkommen Jakobs jener Hand sein, die im nächtlichen Kampf mit dem Engel rang und dem Ahnen als Preis des Kampfes den Ehrennamen „Israel", „Gotteskämpfer" einbrachte: „Du hast mit Gott und Menschen gerungen und hast obsiegt." Noch wenige Augenblicke, so fühlen die Kinder, da wird der sterbende Ahn nochmals diesen Kampf zu bestehen haben mit dem gleichen Engel, der nur in anderer Gestalt aus dem dunklen Grau des Grundes ihn geheimnisvoll anblickt, und wiederum wird er obsiegen. x) Wilhelm Hausenstein, Rembrandt (1926). 17 257

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