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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 259

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Der Segen Jakobs
Date
1932-10-01
Page
259 (sequence 7)
Language
German
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„Der Segen Jakobs" noch von ihrem Reichtum borgt, und als ob dagegen auf der anderen Seite drüben jener Sterbende immer lebendiger, immer kraftvoller würde, stark durch die Gemeinschaft, die ihn stützt, stark durch den Segen, der ihm entströmt. Wir nannten Asnath einsam. Ist Joseph nicht ihr Mann, sind Ephraim und Manasse nicht ihre Kinder? Warum wendet Ephraim der Mutter den Rücken, warum wandert Manasses Blick an ihr vorüber? Warum öffnet sie selbst nicht die über dem Schoß verschränkten Hände, die ihr Entgleitenden festzuhalten? Ahnt sie, die Heidin, trotz allem, daß der Geist stärker ist als das Blut, ahnt sie, daß es die unüberwindliche Macht dieses Geistes ist, der ihr Mann und Kinder entführt? Die Stellung der beiden Ehegatten hat etwas Ergreifendes: Gleich groß, gleich jugendlich, fast parallel die Haltung der Köpfe! Aber es ist eben nur eine äußerliche Gleichheit. In Wahrheit zwei Welten: die Heidin dort, der Jude hier — durch einen Abgrund getrennt — Menschen gleich im Alltag, aber einander fremd in jenen besonderen Augenblicken des Lebens, da in beiden die Untergründe der Seele erwachen. Hält Joseph deshalb, wie Halt suchend, den Kopf so nahe an des Alten Haupt? Einen Abschluß nannten wir einleitend den „Segen Jakobs". Will der Meister die Tragödie der Mischehe uns in diesem Bilde ahnen lassen? Ist jener Joseph vielleicht Rembrandt selbst, der Müllerssohn, der „Plebejer", der in seiner Art auch eine Mischehe eingegangen war, da er die aus einer ganz anderen gesellschaftlichen Sphäre stammende reiche Patrizierin Saskia van Uylenburgh sich zum Weibe nahm? „Zwei Gatten: aneinander vorbei. Sie kennen einander nicht.' (Hausenstein S. 220). Ist das Bild vielleicht eine große Beichte? — Der Segen Jakobs im 48. Kapitel der Bibel klingt mit den Worten aus: „W'saro jih'je m'lo hagojim" „Sein Same werde zur Fülle der Völker" — Same — Fülle — Völker — Konnte Rembrandt deshalb die Dimensionen dieses Bildes nicht weit genug fassen? Nimmt deshalb die rote Decke auf dem Sterbelager, einer gewaltigen Flut gleich mit ihrem Auf und Ab, die ganze untere Hälfte des Gemäldes ein? Und doch, was sich dort dehnt und weitet, ist irdische Fülle, irdische Fruchtbarkeit nur, Segen der unteren Welt und darum vergänglich wie diese untere Welt, wie das Rot der Farbe, das in dem Dunkel der Vorhänge allmählich vergeht. Der wahre Segen fängt erst an jenseits dieser irdischen Welt, erst dort, wo das Weiß der Kissen und Gewänder sich von dem Dunkel ringsum unbarmherzig trennt — sowie dereinst beim Urbeginn Gottes Schöpferwort Licht und Finsternis voneinander schied: Dort webt der Geist, dort wehet der Odem Gottes, der Jakob, der Rembrandt segnen hieß. 259 17*

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