Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 256

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Der Segen Jakobs
Date
1932-10-01
Page
256 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895507-2895512-2902515--05949-2902571
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Bruno Italiener ob der Meister bewußt abstoßend wirken wollte. Der die Mitte der Radierung einnehmende Engel, geflügelt, bärtig, mit breiter, platter Nase, dem kahlen Schädel, dem völlig Ausdruckslosen, geradezu Stupiden des Gesichts, mit Händen, die gar keine Hände, sondern bloße Stümpfe sind — bringt uns in seiner aller Vernünftigkeit, aller Ratio spottenden Gestalt das Befremdliche, das „ganz Andere" der göttlichen Welt in schier beängstigender Weise nahe. In diesem Zusammenhang muß auch an die Darstellung des in Rauch und Geheimnis entschwebenden Engels in dem Dresdner Bild „Das Opfer des Manoah" erinnert werden. Aber der Meister fühlt, mit allen diesen Versuchen ist er dem Problem noch nicht gerecht geworden. So entschließt er sich denn — in ahnendem Erfassen des innersten Geistes der Bibel — zu dem größten Opfer, das es für einen' Rembrandt geben kann, er resigniert: er gibt den Versuch auf, das Symbol des Göttlichen unmittelbar sichtbar zu machen. Er veranschaulicht den Engel durch die „Leere", durch das „Nichts". Nur die erschütternde Wirkung auf die Menschen, die diesem „Nichts" entströmt, läßt uns ahnen, welche „Fülle" in Wahrheit darin enthalten ist, macht uns mehr als alle körperliche Darstellung der Nähe des Göttlichen gewiß. Dieses zeigt sich beispielsweise in der Illustration zu der Abrahamserzählung, da der in der Wüste verirrten Hagar nach dem biblischen Bericht ein Engel den rettenden Quell weist Nur ein paar Strahlen aus einer anderen Welt deuten auf die Gegenwart des Gottesboten hin, dessen Geheimnis die in frommer Demut hingesunkene Frauengestalt ergriffen ahnt.1) Ähnlich die Szene „Der Engel entschwindet der Familie des Tobias".2) Wiederum der Engel durch das „Nichts" dargestellt, wiederum nur die von oben niederflutenden Lichtbündel die Nähe, das „Weben" des Göttlichen leise andeutend. Und doch, von welch ahnender Feierlichkeit, von welch schaurigem Geheimnis ist das Ganze erfüllt, hervorgerufen durch die von dem Erlebnis zu Boden geschleuderten, knieenden, stehenden, der Erscheinung in unsagbarer Befangenheit nachstarrenden, armselig-seligen Menschenkinder. — Das alles mußte vorausgeschickt werden. Denn nur, wer die Kämpfe Rembrandt? um die Sichtbarmachung des Überweltlichen kennt, vermag den „Segen Jakobs" mit den rechten Augen zu schauen, vermag die schier überströmende *) Bilderschatz zur Weltliteratur, herausgegeben von E. W. Bredt, Rembrandtbibel, Altes Testament, Bd.I, S.6. 2) a.a.O., Bd.II, S. 162. 256

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.