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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Der Segen Jakobs
Date
1932-10-01
Page
255 (sequence 3)
Language
German
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„Der Segen Jakobs" auge las, dessen unergründliche Tiefe ilm immer aufs neue mit schier unwiderstehlicher Gewalt zur Darstellung zwang. Alles das umdrängte und bestürmte den Meister in jenem Unglücksjahre i656, da man ihn sein Haus in der Jodenbreestraat zu verlassen zwang. Jetzt erst empfand er ganz, wie nah er ihnen, den Juden, gewesen! War er, der Christ, er, der Mennonit, nicht im Grunde einer der Ihrigen: Auch ein Verfolgter, auch ein Verkannter, von der Gesellschaft Ausgestoßener? Und dennoch aufrecht, ungebrochen, weil er wie die Juden die geheimnisvolle Nähe des Engels empfand, der „von allem Übel ihn erlöste", indem er ihn immer wieder zwang, das Innerste seines Herzens auf Papier, Platte, Leinwand zur Darstellung zu bringen. So entstand der „Segen Jakobs". Bei der Gestaltung des Stoffes, den das 48. Kapitel der Genesis dem Meister darbot, war Plazierung, Haltung und Ausdruck der verschiedenen Personen bis zu einem gewissen Grade gegeben. Künstlerisch am schwierigsten war die Gestaltung des segnenden Engels. Denn das ist wohl zu beachten: Nach dem Bericht der Bibel ist der eigentlich Segnende nicht Jakob sondern der Engel, den der Sterbende — seiner erlösenden Gnade gewiß — betend beschwört. Aus diesem Grunde hat Rembrandt schon äußerlich keine der menschlichen Gestalten in den Mittelpunkt des Bildes gerückt, alle an die Peripherie, auch Jakob. Am nächsten der Mitte die Kinder, insbesondere Ephraim, das wundersam holde Haupt des Knaben und die welke Hand des Sterbenden verbunden, auch innerlich verbunden: beide, Kind und Greis, in ahnungsvoller Scheu gleichsam an den Saum des Geheimnisses rührend. Gerade die Schwierigkeiten in der Darstellung des Engels hatten für Rembrandt ihren besonderen Reiz, um so mehr, wenn man bedenkt, daß das Problem der künstlerischen Wiedergabe der verschiedenen Gottesboten, wie sie auf den Blättern der Bibel immer wieder Erwähnung finden, den Meister während seines ganzen Lebens leidenschaftlich beschäftigte. Kaum zwei Engel von der Hand Rembrandts, die einander gleichen; eine Darstellung bewegter, rührender als die andere, ohnmächtige Versuche eines Menschenkindes, dem Gestaltlosen Gestalt zu geben, das Stammeln einer großen, frommen Seele, das Geheimnis der anderen Welt mit den Mitteln dieser Erde einzufangen. Man vergleiche z. B. das um i636 entstandene Gemälde „Abraham bewirtet die Engel" mit der zu dem gleichen Motiv entstandenen Radierung. Während dort alles friedvolle Schönheit atmet — nicht nur die Engel, selbst Abraham trägt in Haltung und Gebärde einen Abglanz des Göttlichen — ist es hier, als 255

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