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Der Morgen · 1932-10-01 · Heft 4 (Oktober 1932) · p. 254

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 4 (Oktober 1932)
Article
Der Segen Jakobs
Date
1932-10-01
Page
254 (sequence 2)
Language
German
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Bruno Italiener überströmender Weite, Rembrandt, der Bettler, wirft in schier verschwenderischer Fülle Gold, strahlendes Gold auf Haar und Hals und Hände seiner Gestalten, Rembrandt, der Gehetzte, Friedlose, schafft ein Werk, aus dem uns der Odem Gottes, ein tiefer seliger Friede beglückend entgegenweht. — Das 48- Kapitel der Genesis enthält einen Satz, der den Meister seiner ganzen Geartung nach besonders anziehen mußte. Rembrandt besaß ein feines Organ, eine feine Witterung gleichsam, für die geheimnisvollen, die absonderlichen, wir sagen heute die „numinosen" Stellen der Bibel. Darum seine Vorliebe für das sogenannte „Alte Testament" (und manches dem A. T. verwandte Buch der Apokryphen), das die schauervolle Verbundenheit dieser Erde mit der Welt des „ganz Andern", des unermeßlichen Geheimnisses, eben der Welt des „Numinosen" immer wieder ahnen läßt. Das ganze 48. Kapitel ist für das soeben Gesagte bezeichnend, aber besonders Satz 16, der seltsamerweise von den Erjklärern des Bildes nicht beachtet wurde, und der deshalb hier zitiert werde: „Hamalach hagoel oti mikol ra j'warech et han'arim w'jikare wabern sch'mi w'schem awotai awraham w'jizchak w'jidgu larow b'kerew haarez". „Der Engel, der mich aus allem Übel erlöste, er segne die Knaben, und es werde durch sie genannt mein Name und der Name meiner Väter Abraham und Isaak, fischgleich mögen sie wachsen zur Menge inmitten der Erde." — Wieder und wieder muß man diesen Satz lesen. Von ihm bewegt, muß man sich in ahnender Scheu an das Bild heranwagen. Gleich die beiden ersten Worte „hamalach" „der Engel" und „hagoel", das ganz wörtlich „der Erlöser" heißt — geheimnisvoll, von tiefem numinosen Klang. Ebenso das nächste Wort „segnen", insbesondere aber auch „w'jidgu" „fischgleich mögen sie wachsen", bedeutet die rätselhafte „Fülle", bedeutet die „Fruchtbarkeit", das aus geheimnisvollem Mutterschoße quellende, i.ewig sich erneuernde Leben. Konnte Rembrandt an diesem Satz vorübergehen? Hinzu kommt, daß dieses Bibelwort dem Meister sicherlich längst vertraut war. Wie oft mögen ihm abends, auf dem Heimwege zu seinem Hause in der Jodenbreestraat, diese Worte ans Ohr geklungen sein: wenn .er den Juden das Nachtgebet sprechen hörte, in dem dieser mit dem Jakobspruche Leib und Seele dem alten Gotte der Väter empfahl. Wie oft mag dem Meister da im Dunkel der Nacht die Vision des Engels, des „Erlösers", vor die Seele getreten sein! Schwebte der Engel dort nicht schützend über den Judenhäusern, wandelte er nicht durch die Gassen jenes seltsamen, rätselhaften Volkes, das gehetzt, verfolgt, tausendfach getötet, immer noch lebte! War es nicht die Sehnsucht nach dem Erlöser, was er in dem Juden- 254

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