Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Alte und neue Götter [Rezension]
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 237 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895511-2902404--05914-2902503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Alte und neue Götter" darf nicht der Eindruck entstehen, als ob ihre Meinung in öffentlichen Dingen in sich einheitlich gewesen sei. Schon Heine war bei aller Hinneigung zu den allgemeinen französischen Idealen in der geheimsten Kammer seines Herzens „der letzte Ritter der Romantik", als welchen er sich selbst bezeichnet hat. Je weiter man vom Rhein her nach Osten vordringt, desto mehr erscheinen die Repräsentanten des deutschen Judentums dem französischen politischen Geist entfernt. Dem unerschrockenen Ostpreußen Johann Jacobi gehört deshalb die Sympathie auch von Ricarda Huch, und es ist bezeichnend, daß tief gehende Anschauungsunterschiede innerhalb des Sozialismus und der sozialen Bewegung des vorigen Jahrhunderts gipfeln in dem Antagonismus zwischen dem westdeutschen Juden Marx und dem ostdeutschen Juden Lassalle, von dem konservative Sozialpolitiker wie Rodbertus, Victor Aime Huber und der Mainzer Bischof Ketteier tief beeindruckt waren. Als eine besonders eindringliche Stimme gegen den kommerziellen Optimismus der rheinischen Geld- und Industriefürsten zitiert Ricarda Huch selbst die Schrift eines Juden, Gustav Julius, die den bezeichnenden Titel geführt hat: „Bankwesen. Ein neues Gespenst in Deutschland". Es scheint dem Rezensenten allerdings eine Aufgabe der jüdischen Selbstbesinnung in Deutschland zu sein, daß man sich der erwähnten Fragestellung als einer Problematik unserer Öffentlichen Existenz mehr als bisher bewußt wird. Wir wissen, daß, innerjüdisch gesehen, die Ideen der französischen und deutschen Aufklärung ein Danaer-Geschenk waren und daß sie mit anderen überkommenen Werten auch das jüdische religiöse Gedankengut zersetzt haben. Es erhebt sich die schwere Frage, ob die politischen Errungenschaften der Emanzipation, die den Ideen der Aufklärung zu verdanken sind, aufrecht erhalten werden können in einem Deutschland, das im Sinne von Ricarda Huch und manchen anderen in der Person des Freiherrn vom Stein das Symbol des alten Heiligen Reichs ergreifen und für die Zukunft neu gestalten will. Manche Stimmen des jungen Nationalismus unserer Tage erinnern an die Kämpfe der damaligen Zeit. Damals ging es den Streitern aus allen Lagern um die Freiheit des Volkslebens. Heute wie damals bereitet sich im Hintergrund der allgemeinen Gärung, von der Massen wie Geistige gleicherweise ergriffen sind, ein intimes Bündnis der reaktionären Gewalten vor: politisches Militär, Großindustrie und Grundadel, die in den Jahrzehnten seither erst zu einer wirklichen soziologischen Einheit durch commercium und connubium verschmolzen sind. Man muß fürchten, daß in ihrem Gefolge barbarische Kräfte der Zerstörung, die man überall am Werk sehen kann, die Einbruchsstelle finden. Dann wird nicht allein der Liberalismus der Voraussetzungslosigkeit ausgemerzt, um den es nicht schade ist, sondern auch jene menschliche liberalitas, die das hohe Gut jeder abendländischen Gesellschaftsordnung bleiben soll. Aber wie es damit auch stehen mag: jene Stimmen einer volksbewußten neuen Generation, von denen wir sprachen, bleiben lebendig. Es ist gewiß verständlich, wenn man als Jude ihnen gegenüber zunächst in mißtrauischer Reserve verharrt. Aber es darf nicht dabei bleiben, wenn die Frage der 237