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Der Morgen · 1932-08-01 · Heft 3 (August 1932) · p. 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 3 (August 1932)
Article
Alte und neue Götter [Rezension]
Date
1932-08-01
Page
236 (sequence 3)
Language
German
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Werner Gahnmaim wenig zurückhaltend spricht sie von Heinrich Simon aus Breslau und seiner mehr juristisch als politisch bestimmten Persönlichkeit. Gabriel Riesser, den wir als den charakteristischsten Vertreter eines jüdisch-bewußten deutschen Patriotismus kennen, vergißt sie leider zu erwähnen. Eindrucksvoll schildert sie den Kampf des Frankfurter Patriziats im Jahre 1815, der die Rückführung der durch das Dalbergsche Regime emanzipierten Frankfurter Judenschaft in ihre alte „Stättigkeit" erstrebte. Wenn in Streitschriften der damaligen Zeit ausgeführt wurde, es sei zu befürchten, daß die befreiten Juden, die stets eine eigene Kaste dargestellt hätten, binnen kurzem die freie Stadt Frankfurt in ein „neues Jerusalem" verwandeln und den ganzen Handel an sich reißen würden, so spürt man deutlich, wo die handfesten Ursprünge der Gegnerschaft gegen die Gleichberechtigung der deutschen Juden zu suchen sind. Besonders aufschlußreich ist, was auf Seite 54/55 gesagt wird: „Die Bemerkung des Freiherrn vom Stein, die Deutschen hätten die Freiheit schon in ihren Wäldern gehabt und reiner und besser als die modernen Franzosen, wurde von niemandem beachtet. Besonders den Juden, die in Deutschland so viel Zurücksetzung und Mißhandlung erlebt hatten, deren Vaterland Deutschland nicht war und nicht sein konnte, wurde es leicht, Frankreich als wahre Heimat zu betrachten. Verherrlichung des Mittelalters, der Zeit ihrer Erniedrigung, hatte für sie etwas fast Beleidigendes. Sie machten deshalb, wie namentlich Heine tat, die Zeit der Freiheitskriege und der alten Burschenschaften ab Barbarei und Frömmelei lächerlich und trugen sehr dazu bei, die Verbindung mit dem Ursprung der deutschen Revolution zu zerreißen. Als eine handeltreibende und auf Geldwirtschaft angewiesene Nation fühlten sie sich mit Notwendigkeit von dem auftauchenden Zeitalter der Industrie angezogen. In dem "bäuerlichen und handwerklichen Deutschland war kein Platz für sie gewesen; nun konnten sie bedeutende Rollen spielen als Herrscher wie Rothschild oder als Rächer wie ' Marx und Lasalle. Napoleon hatte in den deutschen Ländern, die er beherrschte, die Befreiung der Juden durchgeführt; es ist selbstverständlich, daß sie Frankreich als aufgeklärtes Land priesen, Deutschland rückständig und unfrei fanden." Hier wird an die Kernfrage gerührt, welche die problematische Stellung der deutschen Juden zu dem eigentümlichen Patriotismus ihres Vaterlandes bezeichnet. Es ist durchaus richtig beobachtet, daß die Juden, die der AufklärungsphiloSophie, den politischen Ideen von 1789 und der Gewerbefreiheit so viel verdankten, zu den Trägern dieser Ideen sich hingezogen fühlen mußten. Umgekehrt war es nicht anders und es liegt ein tiefer Sinn darin, daß der Antrag im Vereinigten Landtag von 1847 au^ Aufhebung der Bestimmung, nach welcher die Wählbarkeit zu den Landtagen an die Zugehörigkeit zu einer der vom Staate geduldeten christlichen Religionsgesellschaften gebunden war, von dem liberal und industriell eingestellten rheinländischen Abgeordneten von Beckerath ausging. Trotzdem muß gesagt werden, daß die von Ricarda Huch vorgenommene Einreihung der Juden in die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts reichlich einseitig ist. Einmal gilt diese Einschränkung deshalb, weil die Liebe zu Frankreich und die Schwärmerei für Napoleon — wie die Verfasserin selbst im Eingang ihrer Schrift über „Deutsche Tradition" bemerkt — „fast die gesichertste Tradition in Deutschland" gewesen ist: keine Stimmungsregung also, welche die deutschen Juden von ihren Landsleuten schroff abgetrennt hätte. Was aber die Juden selbst betrifft, so 236

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