Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Alte und neue Götter [Rezension]
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 235 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Werner Cahnmann: „Alte und neue Götter" baut war. Die Revolution hatte alle „intermediären Gewalten", die Innungen und die Berufsverbände, im ersten Taumel sogar die Kirchen und Religionsgesellschaften, beseitigt und die Individuen als „citoyens'* einzig und allein der im Staat inkorporierten Nation gegenübergestellt. Demgegenüber suchten diejenigen, welche die Tradition des alten „Reichs'* hochhielten, die Freiheit der Glieder und der Gliederungen zu retten und ein universales Ganzes, das von einer religiösen Idee durchleuchtet war, über die kämpfenden Teile zu stellen. Die rhcinländischen Politiker, wie Camphausen, Hansemann, Mevissen, schließlich ein Teil der radikalen Linken von iS/iS mit Robert Blum an der Spitze, hatten für das Verfassungsleben Deutschlands französische Ideale, wobei die Rheinländer freilich weniger an den Bastille-Sturm als an das Juli-Königtum Louis Philippes dachten mit seiner berühmt gewordenen Parole: „Enrichissezvous!*' Zu diesem Ende wollten sie Freiheit von allen feudalen Bindungen. Ricarda Huch sieht es als ein Unglück an, daß demgegenüber die Ideen des Freiherm vom Stein keine wirksame Nachfolge gefunden hatten. Zwar waren viele originelle Köpfe, ob sie aus dem liberalen oder aus dem konservativen Lager kamen, Freunde einer organischen Staatsauffassung in seinem Sinne. Radowitz sowohl, der Katholik und geistvolle Berater der preußischen Krone als Ludwig Uhland, der charakterfeste schwäbische Demokrat, vereinigten sich indem Gedanken, daß die Volksreohte nur dort wohl aufgehoben seien, wo tatkräftige und selbstbewußte Bürger sich ihrer eigenen Angelegenheiten annehmen und im Zusammenwirken aller Teile zu einem kraftvollen Ganzen sich finden. Die Männer dieser Anschauung waren, bei aller Aufgeschlossenheit für die Ideen der Zeit, Feinde der unbedingten Gewerbefreiheit und Freunde des großdeutschen Gedankens. Aber Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, dem die von den Rheinländern und einigen Professoren geführte kleindeutsche Partei die Kaiserkrone anbot, hatte sich, den staatsphilosophischen Ideen Hallers folgend, einen verschrobenen und verschwommenen Begriff von Romantik und Mittelalter zurecht gemacht, der hinter der Atrappe der schönen alten Symbole nichts anderes als die Stabilisierung des fürstlichen Absolutismus bezweckte. Man sieht, wie sich damals schon die wilhelminische Verfälschung der volksmäßigen Ideale ankündigte. Im Streit der mannigfaltigen sich widersprechenden Richtungen mußten die Ideen des Freiherrn vom Stein, die der gute Geist des Jahres i848 hätten sein sollen, begraben werden. Aber Ricarda Huch sieht sie als die ewigen Ideen der deutschen Geschichte an, die umso reiner wieder aufsteigen werden, je gründlicher sie vorher untergegangen sind. Im Laufe ihrer Darlegungen spricht Ricarda Huch an vielen Stellen ihres Buches von dem Anteil jüdischer Menschen an der Geschichte jener Jahrzehnte. Sie erwähnt den Österreicher Hartmann, der sich auch als Flüchtling in Paris eine melancholische Liebe zu Deutschland bewahrt hat und den aus Posen stammenden sozialistischen Organisator Stefan Born. Sie kennzeichnet an mehr als einer Stelle die überragende Bedeutung, die der unheimlichen und gleichsam aus dem Verborgenen in die Zukunft hinein wirkenden Person von Karl Marx zukommt. Ein 235