Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Alte und neue Götter [Rezension]
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 234 (sequence 1)
- Language
- German
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„Alte und neue Götter"1) Von Werner Cahnmann Wenn mitten in den Verwirrungen, denen die politische Aussprache unserer Tage zu verfallen droht, Ricarda Huch das Wort nimmt, so scheint die Stimme eines „guten alten deutschen Gewissens" laut zu werden. Sie will zeigen, daß die Drachen, mit denen wir uns herumzuschlagen haben, nicht von heute und gestern sind. Vielmehr ist es so, daß alte und neue Götter, zum mindesten seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts und dem Heraufkommen der industriellen Gesellschaft der Neuzeit in der Seele des Volkes ihren Kampf ausfechten. Wir sind gewohnt, die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts, die wir unter dem Namen der deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung begreifen, als eine Auswirkung der Ideen von 1789 auf deutschem Boden anzusehen. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Es ist nicht so, als ob auf der einen Seite Aufklärung, Enzyklopädie und Revolution stünden mit ihrer die Menschen aufrüttelnden Devise von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und auf der anderen Seite Romantik und christlichgermanischer oder biologisch-naturalistischer Nationalismus. Die kämpfenden Prinzipien überschneiden sich und treten alsdann in verwandelter Gestalt einander gegenüber. Ricarda Huch beginnt damit, daß sie im Bilde des Freiherrn vom Stein das überkommene agrarische Deutschland und das feste ständische Gefüge des alten Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation vor das Auge des Lesers heraufbeschwört. Stein und alle, die ihm gefolgt sind, stellen dem bürokratisch-zentralistischen und auf das Prinzip der Einheit und Gleichheit aufgebauten System der französischen Revolution das Gegenbild der Freiheit gegenüber, wie es sich in den genossenschaftlichen Formen der Selbstverwaltung, von denen das deutsche Mittelalter erfüllt war, gezeigt hatte, und das man im englischen und schweizerischen Verfassungslebender damaligen Zeit noch erblicken konnte. Die liberale Auffassung der Revolutionäre von 1789, dia auf dem Weg über den Saint-Simonismus und den Marxismus schließlich in eine Apotheose der industriellen Gesellschaft einmündele, war nationalistisch im Sinne des einen und unteilbaren Nationalstaates, der auf dem Gedanken der Volkssouveränität aufgex) Ricarda Huch „Alte und neue Götter. i848." Deutsch-Schweizerische Verlagsanstalt Berlin-Zürich. — Ricarda Huch „Deutsche Tradition", Erich Lichtenstein-Verlag, Weimar. 234